Freitag, 15. Dezember 2023

80 Jahre jung...

Donnerstag, 7. Dezember 23, 18.00 Uhr. Mit vielen anderen Menschen bin ich in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom, um für 80 Jahre Fokolarbewegung zu danken. Am 7. Dezember 1943 hat Chiara Lubich Gott ihr Ja gegeben und dieses Ereignis gilt als Gründungsdatum der aus diesem „Ja“ heraus entstandenen Bewegung. Aus ganzem Herzen danke ich für so vieles, was ich in meinem Glauben und Leben Chiara und der Bewegung verdanke. Es ist wunderschön, dies an diesem Abend mit vielen anderen gemeinsam in der Eucharistiefeier in der römischen Basilika zu tun.

Und ich stelle fest, dass wir dort Versammelten schon auch etwas von den 80 Jahren zum Ausdruck bringen. Ich bin nicht einer der jüngsten unter den Anwesenden, aber wenigstens guter Durchschnitt, was das Alter angeht. Ich bin direkt froh, als ich ein paar junge Eltern mit ihren kleinen Kindern sehe. Die Frage brennt unter den Nägeln: wie heute für Gott leben und Zeugnis geben? Kann es sein, dass so eine Form, wie wir sie am 7. Dezember abends praktizierten, für viele (Junge) nicht mehr nachvollziehbar ist? Wenn ich mir die – mit Verlaub – „älteren Herren“ ansehe, die da in (für manche bestimmt) komischen Gewändern einschließlich „Mützen“ (Kardinäle und Bischöfe) in die Kirche einziehen. Wahrscheinlich fremd für viele.

Wobei zugegebenermaßen ja schon zu meiner Jugend diese Form (ein wenig) fremd war – aber da waren noch mehr junge Leute, die sich diesem Fremden ausgesetzt haben.

Zugegebenermaßen gibt es ja in Bildungs- und Kultureinrichtungen dasselbe Phänomen: ergraute Herrschaften treffen sich unter ihresgleichen.

Ich gerate ins Grübeln…

Und in mein Überlegen hinein mischen sich Eindrücke aus Süd- und Mittelamerika, wo ich gerade gewesen bin. Auch dort klagen Mitbrüder zum Teil über das Fehlen von Kindern und Jugendlichen in den Gottesdiensten, etwas in Chile und Peru. In Kolumbien, Brasilien und Guatemala habe ich dagegen sehr viele junge Leute in den Gottesdiensten erlebt.

Und – was mir selbst unter die Haut ging: ich war neu erstaunt, ja gepackt, von der Kraft des Wortes Gottes! Die Texte der Heiligen Schrift schienen mir auch in Latein- und Mittelamerika aktuell, die Herzen dort zu berühren. Und zwar in verschiedenen sozialen Schichten. Wir waren in Pfarreien eher der Mittelschicht und in armen Gemeinden, bis hin zu sehr abgelegenen Kapellen. Das Wort Gottes, die Worte Jesu, sind verständlich und können die Herzen aller Menschen berühren.

Zurück nach Europa: aber wie, wenn die Worte Gottes nicht mehr an die Ohren der Menschen herandringen? Da gilt, woran unter anderem der Kopräsident der Fokolarbewegung in einem Interview anlässlich des 80-Jahr-Jubiläums erinnert hat: es gilt, das Wort Gottes zu leben. Nicht nur zu hören oder zu lesen, sondern es in die Tat umzusetzen. Wenn wir das tun, dann strahlt es weiter aus.

Womit ich bei Weihnachten bin, das Fest des „Fleisch gewordenen Wortes“. Gott hat uns nicht nur irgendwie, womöglich von oben herab, angesprochen, er ist in Jesus Mensch geworden und hat unter uns gelebt.

Donnerstag, 30. November 2023

Inkulturation

Von draußen dringen Marimbaklänge. Es sind zwei besondere Tage hier in der Pfarrei in Tucuru in Guatemala. So Gott will, werde ich in einer Woche in Rom zurück sein. Und ich bin am Sortieren von Eindrücken, es waren so viele in den vergangenen Wochen.

Als ich in Kolumbien landete und mich der Zollbeamte am Flughafen in Bogota fragte: „woher kommen Sie?“, musste ich einen Moment überlegen. „Was sage ich denn? Wo bin ich denn zuletzt in ein Flugzeug gestiegen?“. Bis es mir einfiel: „Santiago, Chile“.

Die letzten Tage jetzt in Guatemala, zunächst in der Hauptstadt und jetzt in der Region Alta Verapaz, wo von den hier lebenden Nachkommen der Maya hauptsächlich Kekchi gesprochen wird. Wenigstens zwei der Mitbrüder erzählten mir von jeweils einem leiblichen Bruder, der sich auf illegalem Weg in die USA aufgemacht hatte. Bei einem schien das besser geklappt zu haben, der andere bekam einen Anruf von den „coyotes“ genannten Schleppern, die Geld von ihm forderten. Die Familie legte zusammen und lieh aus – im Vertrauen auf das Wort des Priester-Bruders. Solch eine Erfahrung hinterlässt Spuren.

Von unserer jungen lateinamerikanischen Provinz hatte ich bereits erzählt. Ein faszinierendes Projekt, jedoch durchaus noch mit Startschwierigkeiten. Z.B. machen die neuen Standards für die Aufnahme von Kandidaten Probleme. Konkret ist der geforderte psychologische Test für jemanden, dessen Muttersprache Kekchi ist und der kaum Spanisch spricht, eine eher unüberwindliche Hürde. Auch der Stil des Einkaufens verändert sich, durchaus mühsam. Die Provinz verlangt (ja völlig zu Recht!) eine korrekte Buchhaltung mit Belegen. In einem Land, in dem normalerweise auf dem Markt eingekauft und mit Bargeld bezahlt wird, ist das mit den Belegen so eine Sache.

Ein Erlebnis sind für mich die Liturgiefeiern hier in La Tinta und Tucuru. Ein Mitbruder, der leider später unsere Gemeinschaft verlassen hat, versuchte vor Jahren, Elemente der Maya-Tradition in die römisch-katholische Eucharistiefeier einzubauen, bzw. diese Traditionen zu verbinden. Wenn also zu Beginn der Eucharistiefeier 30 Frauen (!) mit Weihrauchfässern in die Kirche einziehen und von links und rechts den Altar umschreiten und beräuchern, um den Ort der Feier zunächst zu reinigen, dann ist das beeindruckend. Und all jenen, die jeweils in Europa über zu viel Weihrauch geklagt haben, kann ich versichern, dass das im Gegensatz zu hier harmlos war.

Eine wichtige Rolle spielen die Ältesten, welche das Fürbittgebet und ein Dankgebet nach der Kommunion leiten. So wie ich es erlebte, fängt dabei der Älteste an und alle stimmen ein, jeder mit seinem eigenen Gebet. Für mich Fremden äußerlich ein heilloses Durcheinander. Aber gleichzeitig auch bedenkenswert.

Scheinbar wird aber nicht in allen Kekchi-Gemeinden auf diese Weise Eucharistie gefeiert, woanders geht es „römischer“ zu.

Zur Gemeinde in La Tinta gehören 75, zu der in Tucuru 55 Kapellengemeinden, die teilweise recht groß sind. In zwei solcher Gemeinden habe ich die Messe mitgefeiert. Und das Fest erlebt. Die Vorbereitungen beginnen bereits am Vortag. Und nach der Messe wird gemeinsam gegessen. Einer der Mitbrüder meinte: „dass ich da dabei bin, scheint den Leuten fast wichtiger als die Messe selbst“.

Zur weitest entfernten Kapelle sind es von Tucuru aus zunächst zwei Stunden mit dem Auto und dann anderthalb Stunden zu Fuß. Wenn man also Weg, Messe und anschließendes Essen zusammenrechnet, wird klar, dass es sich dabei um eine Tagesveranstaltung handelt.

Zum „Pfarrgemeinderat“ in Tucuru gehören mehr als 100 Leute, ein Vertreter jeder Kapellengemeinde, gemeinsam mit seinem Vertreter, dazu noch weitere Leute für spezielle Bereiche (Liturgie, Sozialpastoral, Mission etc.)