Dienstag, 30. November 2021

Advent

Am vergangenen Wochenende habe ich mich mit einigen Ordensmännern in Albano „leibhaftig“ getroffen. Oder anders gesagt: in Präsenz. Wir treffen uns fast wöchentlich via Zoom, eine Gruppe von neun Ordensmännern, die meisten Italiener, einer aus Kenia (aber Kaplan in Rom), einer in Spanien und ich Deutscher, auch in Rom. Wir kannten uns also gegenseitig alle vom Bildschirm her, aber nicht „leibhaftig“. Wenigstens nicht jeder jeden.

So hörte ich z.B. von Luca aus Assisi, als er zur Tür herein kam und mich sah: „Mensch, bist Du groß!“. Tatsächlich hatten wir uns eben immer sitzend am Bildschirm gesehen, sozusagen nur ein Brustbild. Mir ging es dann so mit Daniel, dem Mann aus Kenia: „Mensch, bist Du groß!“ Hätte ich einfach nicht gedacht, als ich Daniel am Bildschirm sah.

Mir gefallen solche Erfahrungen „veränderter Wahrnehmung“. Ähnliches geschieht ja manchmal auch, wenn ich jemanden besser, näher kennen lerne, etwas von seiner oder ihrer Geschichte erfahre und so die Person anders verstehen kann. Oder auch das Gegenteil: die Überraschung, wenn jemand ganz anders handelt, als ich es vorhergesagt, von ihm/ihr erwartet hätte.

Solche den engen Horizont fixer Vorstellungen aufreißende Erfahrungen haben es für mich immer schon ein wenig mit Gott zu tun. Den wir nie „erfassen“ können, der immer ganz anders ist.

Womit ich ein wenig beim Advent bin, der aktuellen Zeit im Jahr. Vielleicht hat gerade jemand schon an das Lied „O Heiland reiß den Himmel auf...“ gedacht, bei meiner Formulierung eben.

So sehr uns das Bild eines uns anlächelnden Jesuskindes erfreut – hoffentlich! (Das ist gut so!), so wenig ist das schon „alles“. Die Äbtissin von Mariendonk, Christiana Reemts, hat das am 28. November in ihrem Blog so formuliert:

Die Adventszeit, wie sie in unserer Gesellschaft begangen wird, unterstützt es nicht, sie als Vorbereitungszeit auf Weihnachten zu nutzen oder wenn dann nur im materiellen Sinn. Wir brauchen aber eine geistige Vorbereitung, um als Christen wirklich die „Heilige Nacht“ zu feiern, um wirklich zu verstehen, dass wir etwas feiern, was es nie zuvor gab, ein völlig einzigartiges Ereignis, das die Weltgeschichte für immer verändert hat: Gott wurde Mensch. Denn Jesus war nicht nur ein besonders frommer Mann, ein Religionsstifter und Prophet, den Gott durch die Auferstehung zu sich holte, sondern er war bei Gott schon vor der Erschaffung der Welt und er ist und bleibt Gott.
Gott aber ist der ganz Andere, Gott ist das, was wir nicht sind und niemals sein werden, Gott ist der, zu dem es von uns aus auch mit allen Meditationstechniken keinen Weg gibt - und dieser unendliche Gott soll vor 2000 Jahren in einem entlegenen Winkel der Welt geboren worden sein. Das ist menschlich gesehen völlig absurd, kein Mensch hätte von sich aus auf eine so verrückte Idee kommen können. Man muss sehr lange über die Worte „Gott“ und „Mensch“ und die absolute Unmöglichkeit sie miteinander zu verbinden nachgedacht haben, um wirklich zu begreifen, wie groß das ist, was wir an Weihnachten feiern.

Und dann geht mit mir ein Text, den mir Sr. Brigitte geschickt hat und für den ich sehr dankbar bin:

Die Erschütterung, das Aufwachen: damit fängt das Leben ja erst an, des

Advents fähig zu werden. Gerade in der Herbheit des Erwachens, in der

Hilflosigkeit des Zu-sich-selbst-Kommens, in der Erbärmlichkeit des Grenz-

erlebnisses erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen

Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von

der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.

Alfred Delp (1907-1945; Jesuit und Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand)

 

Montag, 15. November 2021

Selbstoptimierung und Gelassenheit

Mit wachsender Begeisterung lese ich die Briefe von Giovanni Merlini an Maria De Mattias. Wer waren die beiden? Merlini war Missionar vom Kostbaren Blut, einer der wichtigsten Mitarbeiter des Gründers der Gemeinschaft, Kaspar del Bufalo, und auch sein übernächster Nachfolger in der Leitung derselben. Kaspar plante neben der Gründung der Männer- auch eine Frauengemeinschaft. Dafür hielt er Ausschau nach einer geeigneten Leitungs- bzw. Gründungspersönlichkeit und fand diese schließlich in Maria De Mattias. Die konkrete Begleitung der De Mattias beim Aufbau der Frauengemeinschaft der Anbeterinnen des Blutes Christi übergab Kaspar dann Merlini. Und von daher rührt ein uns erhaltener Briefwechsel. Ich lese seit Monaten immer wieder einmal in einem Band, der (nur) Merlinis Briefe enthält. Und bin erstaunt, mit welcher Feinfühligkeit und mit welchem Geschick Merlini die junge Frau begleitet. Einerseits ermutigt er sie und stärkt ihr den Rücken, andererseits fordert er sie aber durchaus zur Eigenverantwortung und erklärt ihr, dass sie gewisse Entscheidungen doch selbst treffen solle, ohne lange bei ihm nachzufragen.

Eine Passage aus dem Brief vom 3. September 1859 von Merlini an De Mattias möchte ich hier (in meiner Übersetzung) wiedergeben. Vielleicht als Vorbemerkung: die Anbeterinnen des Blutes Christi waren, anders als ihr Ordensname das vermuten ließe, zunächst einmal Lehrerinnen. Sie errichteten eine Schule nach der anderen und in Verbindung damit praktisch auch immer eine Ordensniederlassung, wo die Schwestern – Lehrerinnen lebten. Um an einem konkreten Ort solch ein Unternehmen zu beginnen, brauchte es außer der materiellen Grundlage (ein Haus, die Schwestern mussten verdienen, der Lebensunterhalt gesichert sein...) auch die Zustimmung des zuständigen Bischofs, es ging ja auch um eine klösterliche Niederlassung. Und die Verhandlungen mit dem ein oder anderen Bischof gestalteten sich aus verschiedenen Gründen schwierig. Soweit zum Hintergrund der folgenden Zeilen:

Wenn der Bischof Fehler findet, sollten wir uns daran erinnern, dass nur Gott allein keine Fehler macht. Auch die herausragendsten Menschen irren: sollten wir also beunruhigt sein? Nein, aber achten Sie darauf, Gott nicht zu beleidigen. Wenn wir zum Beispiel in einer Angelegenheit einen Fehler machen, ohne böse Absicht, wo ist also die Schuld? Der (unser) Wille ist durch die Gnade Gottes gut und aufrecht. Wir machen Fehler, weil wir erbärmliche Geschöpfe sind, und das ist der Grund, dass wir uns vor Gott immer mehr erniedrigen. Ich komme zu dem Schluss, dass Gott es manchmal zulässt, dass wir einen Fehler machen, zum Beispiel bei einem Vertrag. Und warum hat Gott das zugelassen? Es ermutigt und gibt Frieden; es lässt uns Zuflucht zu Gott und größeres Vertrauen üben...

Keinen Fehler zu begehen, das wäre eine Versuchung, die, wenn sie überwiegen würde, uns vom Willen Gottes entfernen würde, der will, dass wir durch Leiden wirken...

Welch eine Kultur im Umgang mit Fehlern und Niederlagen! Wie heilsam für unsere „Selbstoptimierungsgesellschaft“, die ja andererseits an ihre Grenzen stößt. Sehr schön fand ich das neulich in einem Vortrag von Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer (Univ. Freiburg) Anfragen an das durchoptimierte Selbst aus der Perspektive christlicher Anthropologie erläutert.

Der November bietet sich durchaus an, sich darüber Gedanken zu machen, z.B. bei einem Friedhofsbesuch. Auch das Verfolgen der Corona-Berichterstattung kann helfen. Bei Paul M. Zulehner habe ich einmal den Gedanken gefunden, dass die Menschen heute zwar länger leben als früher, aber gleichzeitig auch kürzer, weil – ohne den Glauben an ein ewiges Leben – alles in die kurzen Erdenjahre hinein gepackt werden muss. (Ich meine, Zulehner bezog sich konkret auf Marianne Gronemeyers Buch „Das Leben als letzte Gelegenheit“.) Menschen, die an ein ewiges Leben glauben, haben diese Schwierigkeit nicht. Wobei es auch da eine Versuchung geben könnte, vor der Merlini im selben Brief an Maria De Mattias warnt:

halten Sie die Versuchung fern, einfach alles schleifen zu lassen...“ Der Glaube an ein ewiges Leben schenkt einerseits Gelassenheit, aber recht verstanden und gelebt, lässt er mich meine Erdenjahre als mit Verantwortung zu lebendes Geschenk verstehen.