Mittwoch, 15. Juli 2026

KI und Freiheit

Am Morgen las ich einen italienischen Text und verstand dabei ein Wort nicht. Also klickte ich auf dem Handy das Online-Wörterbuch an. Was sich dort jedoch zunächst öffnete, war ein Fenster, welches mich auf die Möglichkeit der KI-Übersetzung hinwies, zu der mein Handy in der Lage sei. Etwas genervt schloss ich das Fenster und fand im Wörterbuch die Übersetzung des Wortes, die ich gesucht hatte. Klar weiß ich um Übersetzungsprogramme und nutze auch eines, wenn ich einen längeren Text übersetzen möchte. Aber dann entscheide ich mich dafür! Grundsätzlich will ich mir die Option des selbständigen Übersetzens offen halten, ich halte das auch für einen kreativen Prozess.

Vor kurzem z.B. wünschten die Angehörigen eines Mannes, der von Beruf Förster und dessen Leben von einer großen Naturverbundenheit gekennzeichnet war, dass bei der Messe am Tag seiner Beisetzung der „Sonnengesang“ des hl. Franziskus gelesen werden solle. Die Schwiegertochter las dann die Version, so wie sie im Gotteslob (19/2) steht. „...Gelobt seist du, mein Herr für Schwester Mond und die Sterne...“ Sucht man auf der Homepage der (deutschen) Franziskaner den Sonnengesang, so heißt es dort: „Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne“. Also einmal „für“ und einmal „durch“. Was doch zugegebenermaßen ein Unterschied ist!

Das „per“ im italienischen Original („Laudato si’, mi signore, per sora luna e le stelle“) lässt beide Übersetzungsmöglichkeiten zu, „für“ oder „durch“. Wenn ich mir also den italienischen Sonnengesang durch KI übersetzen lasse, dann ist zu erwarten, dass ich eine der möglichen deutschen Versionen erhalte. Ich aber freue mich dabei nicht am mehrdeutigen „per“ und muss bzw. darf nicht meine Übersetzungsentscheidung treffen.

Später am Tag saß ich dann am PC, um E-Mails zu lesen und zu beantworten. Und störte mich wieder einmal daran, dass bei der Beantwortung einer Mail sofort ein Fenster mit dem Angebot zu sehen war, dass die KI für mich die Beantwortung übernehmen oder eine Mail kürzen würde. Ich schloss das Fenster. Ich werde mich schon melden, wenn ich derartige Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Aber auch das Schreiben einer Mail muss ja nicht nur eine lästige Pflicht sein, sondern kann wiederum ein kreativer Prozess sein. Wofür sollte ich außerdem die gewonnene Zeit verwenden?

An einem anderen Tag wollte ich mir abends zur Entspannung einen Krimi ansehen. Und – jetzt fühlte ich mich doch tatsächlich ertappt und durchschaut! - was lese ich da auf dem Bildschirm: „da Sie gerne Krimis sehen, haben wir folgende Empfehlungen für Sie!“ Ist ja irgendwie nett, aber mir wird doch wieder neu bewusst, wie „gläsern“ der Mediennutzer wird.

Der gute alte Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel meinte, die Weltgeschichte sei eine Geschichte wachsender Freiheit: die Welt bewege sich von einer Abnahme äußerer Autorität hin zu einer Zunahme individueller Autonomie. (So habe ich es in einem online zugänglichen Artikel „Secularization, Models of the Church and Spirituality: The Future of the Church in Light of Today's Trends“ des ungarischen Jesuiten Ferenc Patsch gelesen). Angesichts der Hilfsangebote meiner technischen Hilfsmittel, welche mir Übersetzungen, Briefe-Schreiben und Filmauswahl abnehmen wollen, habe ich den Eindruck, um meine individuelle Autonomie ringen zu müssen, um nicht meine Freiheit zu verlieren.

Ob es ein überzogener Pessimismus der Kritiker/inn/en der Möglichkeiten künstlicher Intelligenz ist, wenn sie darauf hinweisen, dass die Gefahr bestehe, das Denken bzw. das Fragen zu verlernen, was letztlich unter anderem auch gefährlich für die Demokratie sein kann?