Mittwoch, 30. September 2026

Heimat Deutschland

Seit meinem letzten Erste-Hilfe-Kurs sind mindestens zehn Jahre vergangen. Ich erinnere mich noch an den Ort, aber nicht mehr an das Jahr, in dem ich ihn absolviert habe. Höchste Zeit zur Auffrischung. Und es gibt eine gute Gelegenheit in der Aula unserer Schule, von meinem Zuhause in einer Minute zu erreichen, ohne das Haus zu verlassen. Also melde ich mich an und bin einer von 16 Teilnehmenden.

In der Vorstellrunde fällt mir der spanische Akzent eines jungen Teilnehmers auf und so spreche ich ihn in der Pause an: „Woher kommst du?“ „Aus Mexiko“. Eduardo hat bereits dort in der Krankenpflege gearbeitet und auf Facebook entdeckt, dass in Deutschland Krankenpfleger gesucht werden. Also bewarb er sich, etwas abenteuerlustig, und war verwundert, wie schnell dann alles ging. Seit zwei Jahren ist er in Deutschland und bereichert uns beim Erste-Hilfe-Kurs mit seinem Fachwissen.

Bei einer Gruppenarbeit komme ich dann mit Andrej zusammen und frage auch ihn nach seiner Herkunft. „Ich bin aus Kasachstan, seit 1993 in Deutschland“. Sympathisch ist er mit seiner Baseballmütze. Noch ein weiterer Teilnehmer lässt mich aufgrund seines Vornamens und seiner Sprachmelodie auf eine „östliche Herkunft“ tippen, aber leider komme ich an dem Tag nicht mit ihm ins Gespräch. Er braucht den Erste-Hilfe-Kurs, weil er Berufskraftfahrer werden möchte. Und er bringt sich an diesem Tag engagiert ein, wie eigentlich alle Teilnehmenden.

Nach dem Mittagessen (ich war ja privilegiert und konnte kurz zu meinen Mitbrüdern gehen) bediente ich mich in der Aula am bereitgestellten Kaffee. „Ah, Deine Tasse ist Bunzlauer Porzellan“ sagt meine Sitznachbarin Elisabeth. Tatsächlich, daran hatte ich gar nicht gedacht, als ich die blaue Tasse mit großen weißen Punkten wählte. Zur weiteren Vergewisserung hob ich sie noch vorsichtig an, um auf dem Tassenboden lesen zu können. Unnötig, denn die Kursleiterin Brigitte hatte unser Gespräch verfolgt und Elisabeths Vermutung bestätigt. „Stimmt“, sagt sie. Vermutlich hatte Brigitte Kaffee und Tassen mitgebracht. Und das Gespräch geht weiter. Elisabeths Vater stammte aus der Gegend von Breslau und sie war schon öfter dort und auf dem Weg eben auch in Bunzlau, „wo es sich auch gut einkaufen lässt“. Später am Tag, als die auszufüllenden Auswertungsbögen herumgehen, bekomme ich mit, wie sie sich dafür einsetzt, ihren Kugelschreiber wieder zu bekommen: „der ist aus Schlesien!“. Als ich ihn in die Hand nehme, kann ich die polnische Aufschrift lesen. Elisabeth scheint daran zu hängen, wer weiß, welche Erinnerungen damit verbunden sind. Brigitte sagt, sie möchte gerne einmal einen Töpfer-Workshop in Bunzlau mitmachen. Sie stammt aus Oppeln. Ihre Mutter war es leid, Anfang der 70er Jahre ihre Familie nicht richtig versorgen zu können, das System mit Lebensmittelkarten funktionierte einfach nicht. Schlange stehen, um dann eventuell doch nichts mehr zu bekommen. So entschloss sich die Familie zum Umzug nach Deutschland. „Aber es ist für mich nach wie vor etwas Besonderes, auf den Oppelner Straßen zu gehen“, sagt Brigitte. „Wer weiß, was dort aus mir geworden wäre, vielleicht auch eine Lehrerin?“

Ich denke an meine aus Schlesien stammende Mutter sowie an meine Besuche in Bunzlau, heute Bolesławiec. Dort begann die Geschichte der mit uns verbundenen Schwesterngemeinschaft (Anbeterinnen des Blutes Christi) in Polen und bis heute haben sie dort eine große Niederlassung, zum einen für ältere Schwestern, zum anderen ein Mädcheninternat. Die Gründerin der Schwestergemeinschaft, Maria De Mattias ist Stadtpatronin von Bunzlau/Bolesławiec.

Mit gefällt die bunte Truppe beim Erste-Hilfe-Kurs, auch altersmäßig sind wir sehr gemischt, von zwei Kindern, die sich auf den Schulsanitätsdienst vorbereiten, über einige junge Leute, die am Führerschein machen sind, bis zu Menschen meiner Generation. Ein guter Tag!

Dienstag, 15. September 2026

Leben und Sterben in Würde

Eine Nachricht aus Frankreich macht mich nachdenklich und lässt so diesen Post wie eine Fortsetzung des letzten werden.

Katholisch.de berichtet am 20. August: „Der Erzbischof von Paris, Laurent Ulrich, fordert dazu auf, das neu in Kraft getretene Gesetz zur Sterbehilfe in Frankreich nicht anzuwenden. Das Erzbistum Paris veröffentlichte am Mittwoch ein Schreiben des Erzbischofs, in dem er sagt: `Heute, morgen, in den kommenden Zeiten, werden wir zweifellos mutige Entscheidungen treffen müssen, vielleicht gegen die Strömung, beginnend mit denen, die wir für uns selbst treffen werden.´ Seit Mittwoch gilt das seit Jahren diskutierte Gesetz, das unheilbar Kranken den assistierten Suizid ermöglicht.“

Der kurze Artikel erinnert daran, dass außer in Frankreich die Sterbehilfe auch in Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Spanien legal ist.

Die Nachricht überschneidet sich zeitlich mit dem, was ich soeben hier erlebt bzw. von P. Josef erzählt bekommen habe. Am Montag – Josef hatte die sogenannte „Dienstbereitschaft für seelsorgliche Notfälle“ von Sonntag Mittag bis Dienstag Morgen – bekam er einen Anruf von der Palliativstation eines Seniorenzentrums in Bad Driburg. Er machte sich auf den Weg, mit etwas Verspätung, weil er auf das Auto warten musste, mit dem ich gerade zum Einkaufen gefahren war. Als Josef beim Patienten in Bad Driburg (ca. neun Kilometer von Neuenheerse entfernt) ankam, erklärte ihm dieser: „ich wollte nur einen Termin für ein Gespräch mit einem Priester ausmachen, das hat die Krankenschwester schlecht verstanden bzw. falsch weiter gegeben. Ich muss mich ja erst auf das Gespräch vorbereiten“. Also machten die beiden einen Termin für den darauf folgenden Donnerstag aus. Und Josef fuhr wieder hin. Zum Patienten auf der Palliativstation, der die Sauerstoffflasche neben dem Bett hat. Diesmal sagte der Patient: „ich habe schlecht geschlafen. Ich habe der Krankenschwester gesagt, sie möge den Termin absagen, das hat sie offensichtlich nicht getan“. Und Josef kam schnell wieder nach Hause. Der Patient wolle sich wieder melden.

Klar – zum einen könnte man jetzt die Abläufe auf der Palliativstation nachverfolgen und zu klären versuchen, das jeweils Dienst habende Personal ausfindig machen und nachfragen. Geschenkt!

Zum anderen habe ich mich gefreut über die „vertane“ Zeit von Josef und darüber, dass er sich mit keiner Silbe über seine „nutzlosen“ (Metzger-)Fahrten beschwert hat.

Um das Ganze zu kommentieren, füge ich schlicht und einfach noch zwei Absätze der Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. an – es lohnt sich durchaus, das vollständige Dokument zu lesen.

„118. Unser Verhältnis zum Leben scheint heute in einer Krise zu stecken. Alles, was als „Begrenztheit“ erscheint – Unfähigkeit, Krankheit, Alter, Leiden, Verletzlichkeit –, wird normalerweise erst einmal als ein zu behebender Mangel angesehen und nicht als ein Umstand, durch den der Mensch reift und sich für Beziehungen öffnet. Doch wir müssen daran denken, dass der Mensch nicht trotz seiner Begrenztheit, sondern oft gerade durch seine Begrenztheit zur Entfaltung gelangt. Ein Blick auf die Wirklichkeit im Licht des Glaubens hilft uns, das zu erkennen, was wir die „Kontingenz“ der Dinge dieser Welt nennen. Wenn es auch einerseits unsere Pflicht ist, zu versuchen, das Leiden zu beseitigen, das das menschliche Leben zeichnet, so ist es andererseits doch weise, unsere konstitutive Endlichkeit anzuerkennen, in dem Wissen, dass »die religiöse Erfahrung und insbesondere der christliche Glaube dazu einladen, diese Ambivalenz zwischen der Größe und der Begrenztheit des Menschen ohne Vereinfachungen zu leben und sie im Licht der ursprünglichen und grundlegenden Beziehung zu Gott zu deuten«.

„122. Wenn die Endlichkeit in Wahrheit angenommen wird, macht sie den Menschen nicht arm, sondern öffnet ihn für die Erkenntnis des Antlitzes Gottes und des Nächsten. Gerade weil er Begrenztheit erfährt – Verletzlichkeit, Schmerz und Versagen –, kann er die eigene Würde und die der Mitmenschen als unantastbar anerkennen. Und gerade in dieser Erfahrung der Begrenztheit bleibt er fähig, eine geschwisterliche Verbundenheit zu erahnen, die größer ist als er selbst, und Ungerechtigkeit als einen Skandal zu sehen.“