Sonntag, 31. Mai 2026

Wasch mich - aber mach mich nicht nass...

Ich bin nicht ganz sicher: habe ich es bei Richard Rohr gelesen? Habe ich es richtig verstanden? In meiner Erinnerung geht es darum, besser von Transformation als von Konversion zu sprechen. Transformation bringt zum Ausdruck, dass da bei aller Änderung etwas (erhalten) bleibt. Beim Apostel Paulus lässt sich das erkennen: aus dem Eiferer für das Gesetz wird der Eiferer für Christus. Wobei die Sache bei Paulus ohnehin nicht so ganz einfach ist. Manche bevorzugen es, von der „Berufung des Paulus“ anstatt von seiner „Bekehrung“ zu sprechen. Was durchaus etwas für sich hat. Denn es ist ja nicht so, dass aus dem Juden ein Christ geworden wäre, sondern aus dem jüdischen Christenverfolger ein jüdischer Christusverkünder. Und dabei gibt es Konstanten, gleichbleibende Charaktereigenschaften. Der leidenschaftliche Eifer bleibt – das Objekt des Eiferns ist ein anderes geworden. Transformation. Beim Lesen von Bekehrungsgeschichten ist das im Hinterkopf zu behalten.

Was mich zur Zeit nachdenklich macht: ich meine, recht häufig dem Wort Transformation zu begegnen. Es geht um gesellschaftliche, politische und auch kirchliche Transformationsprozesse. Dies scheint eine Reaktion auf unbestimmte oder auch bestimmte Gefühle und Erkenntnisse zu sein, dass sich „etwas ändern muss“. Transformation ist en vogue. Und da merke ich, dass ich mich ein wenig nach der Konversion zurück sehne. Im Sinne einer echten Veränderung im Unterschied zu einer nur kosmetischen. Bisweilen sollte man sich an Re-form, nicht nur an Trans-form(ation) machen.

Als Vergleich: vor kurzem las ich irgendwo eine kritische Anfrage an die „Mobilitätswende“, die letztlich darin zu bestehen scheint, die Art des Treibstoffs zu ändern, von Benzin auf Strom umzusteigen, aber nicht das Mobilitätsverhalten an sich, unsere Art zu reisen und uns fortzubewegen. Mit subventioniertem Flugbenzin und ohne Tempolimit auf Autobahnen spielen wir in Deutschland da ohnehin eine fragwürdige, wenn nicht zwielichtige Rolle.

Um „kirchlich“ zu konkretisieren, möchte ich ein paar Beispiele anführen. Oft genug habe ich selbst in Predigten betont, dass ein Heiliger nicht „ein moralischer Tugendbolzen“ ist, der gleichsam spirituelle Höchstleistungen erbringt, sondern jemand, der Gottes Liebe erkannt und angenommen hat und von daher sein Leben bestimmen und – ja – verwandeln lässt. Aber selbst wenn die Gefahr des (Miss-)Verständnisses einer „Leistungsreligion“ heute (noch?) gegeben sein mag: ist nicht das Missverständnis einer „Wellness-Religion“ genauso real gegeben? Es geht eben nicht nur um (mindful based) Stress-Reduktion, sondern um ein Sensibel-Werden für Unrecht, um aktiv und engagiert dagegen anzugehen. Um die dafür nötigen offenen Augen, nicht nur die geschlossenen des In-Sich-Ruhens. (Hier bin ich Prof. Michael Höffner für einen Hinweis in einer Berliner Vorlesung dankbar). Noch konkreter: wenn wir gefragt werden, uns kirchlicherseits bei den städtischen „Gesundheitstagen“ zu beteiligen, dann können wir sicher eine „Schweigemeditation“ anbieten und hoffen, dass diese wohltuend erfahren wird. Müssten wir aber nicht auch einen „Gesundheitswahn“ anfragen, man beachte nur einmal die in der Fernsehwerbung überproportional vorkommenden Arzneimittel? „Das Wichtigste ist doch die Gesundheit!“ Stimmt das? Wie sagte ein schwäbischer Pfarrer: „Mir scheint die Zufriedenheit wichtiger. Ich habe gesunde Leute erlebt, die nicht zufrieden waren. Und ich habe Leute erlebt, die trotz Krankheit zufrieden waren“.

Auch im Bereich der Exerzitienarbeit kenne ich die Versuchung, dem Wellness-Gedanken nachzugeben. Und dabei ein mögliches Veränderungspotential, etwa im Sinn des „magis“ (mehr) von Ignatius, außen vor zu lassen. Es geht doch um etwas, bzw. bei Exerzitien, es geht auch um jemanden! Im Exerzitienbuch des Ignatius wird das „Gespräch mit dem Gekreuzigten“ angeregt.

Wenn wir über Liebe reden, was wir ja gerne tun, dann hat das mit wechselseitigem Geben und Nehmen zu tun, sonst stimmt etwas nicht.

So bin ich dankbar, dass ich zu einer Gemeinschaft gehören darf, welche den sperrigen Namen „Missionare vom Kostbaren Blut“ hat. Wenn manche schon bei „Mission“ mit den Augen rollen, dann lässt das „(kostbare) Blut“ anderen die Haare zu Berge stehen. Auch wenn der Titel der Gemeinschaft natürlich auf dem Hintergrund seiner Entstehungszeit und ihrer Frömmigkeit zu verstehen ist: das Blut Jesu ist für mich das Zeichen einer alles anderen als „billigen Liebe“. Ich werde beschenkt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ja, ich kann mich mit meinen Fehlern (um nicht zu sagen mit meiner „Sündhaftigkeit“) zu ihm hin begeben. Und möchte aber dort nicht gleichgültig passiv bleiben, irgendwie will ich – in all meiner Beschränktheit – zu antworten versuchen. Und hoffe auf Transformation – meine und diejenige der Welt...

Freitag, 15. Mai 2026

P. Jakob Förg MSC

Mit großer Dankbarkeit denke ich an P. Jakob Förg MSC, der am 9. Mai mit 85 Jahren verstorben ist. Wenn ich mich recht erinnere, dann haben wir uns während meines Studiums in Salzburg kennengelernt und sind seitdem immer in Kontakt geblieben.

Sicher habe ich ihn nicht gut genug bekannt, um ein umfassendes Lebensbild von ihm zu zeichnen. Von dem wenigen, was ich weiß und erlebt habe, sind es drei miteinander verbundene Stränge, welche ich unterstreichen möchte.

Wenn ich an Jakob denke, dann sehe ich ihn Fahrrad fahrend in Salzburg unterwegs. Diese für ihn typische Fortbewegungsart ist für mich ein Ausdruck seiner Einfachheit und Bescheidenheit. Er war absolut nicht der Typ, der sich in den Vordergrund stellte. Und schien mir immer sehr aufmerksam für sein jeweiliges Gegenüber.

Während meiner Zeit als Pfarrer in Salzburg-Parsch hatte ich ihn – und hier komme ich bereits zum zweiten Strang – einmal zu einem Abend in die Gemeinde eingeladen, um über die verfolgte Kirche zu sprechen. Er kam natürlich mit dem Fahrrad! Und erzählte sehr beeindruckend. Bis heute erinnere ich mich an eine Fahrradgeschichte an diesem Abend. Jakob berichtete von einer „Missionsstrategie“ chinesischer Christen, welche mit dem Fahrrad unterwegs sind und bei einer echten oder vorgetäuschten Fahrradpanne die Gelegenheit nutzen, um Hilfe zu bitten und den jeweils Helfenden von Jesus zu erzählen. Kreativ!

Jakob setzte sich mit großem Engagement für die verfolgten Christen ein und für solche, die in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion neue Freiheit gewonnen hatten. Kein Wunder, dass auch das Hilfswerk „Christen in Not“ früher „Christian Solidarity International CSI“ an ihn erinnert (https://christeninnot.com/cin-trauert-um-p-jakob-foerg/). Oft reiste Jakob nach Litauen und auch in andere Länder im Osten, pflegte Kontakte und unterstützte. Hin und wieder schickte er mir einen Jahresbericht seiner diesbezüglichen Aktivitäten und ich war jeweils tief beeindruckt davon. Vermutlich ist er für den Transport von Tonnen von Literatur in die Länder jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs verantwortlich. Religiöse Kinderliteratur hat er übersetzen und drucken lassen. „Die kleine Eule“ von Lene Mayer-Skumanz ist sicher durch Jakob ganz vielen Menschen in verschiedenen Ländern bekannt geworden. Manchmal konnte Jakob auch theologische Literatur aus Nachlässen an Bibliotheken in Priesterseminaren oder anderen Bildungseinrichtungen in Ländern des Ostens vermitteln.

Und er war nicht nur für den Transport gedruckter Worte, sondern auch für denjenigen gedruckter Musik im Einsatz. Viele Musikliteratur fand durch ihn ihren Weg über Grenzen. Wie konnte er sich freuen, wenn ihm ein Musikalienverlag Notenmaterial zu diesem Zweck überlassen hatte. Natürlich hatte diese besondere Form des Einsatzes mit Jakobs persönlichen Fähigkeiten als Kirchenmusiker zu tun, er spielte Orgel und konnte auch einen Chor leiten. Ich erinnere mich an seine Freude darüber, wenn es ihm gelungen war, Stipendienplätze für junge Kirchenmusiker/innen aus Ländern des Ostens bei kirchenmusikalischen Werkwochen in Salzburg zu bekommen. Manchmal traft er dann die Teilnehmenden solcher Kurse bei seinen Reisen wieder.

Sein Engagement für Menschen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion war bisweilen beinahe kämpferisch. Ein paar Mal sandte er mir die Kopie eines (Beschwerde-)Briefes, den er an Präsident Putin geschrieben hatte. Jakob war auch im Kontakt mit Tatiana Goritschewa, deren Buch „Von Gott zu reden ist gefährlich“ ich als Student gelesen hatte. Hin und wieder sandte er mir die Kopie eines Briefes, den Tatiana ihm geschrieben hatte und er teilte mir auch noch ihren Tod im vergangenen Jahr mit.

Hinter allem Engagement Jakobs mache ich eine geistliche Tiefe aus, die ihn wohl antrieb und zum Einsatz befähigte. Im Normalfall hatten seine Mails an mich immer mehrere Anhänge. Er sandte mir Manuskripte von Morgenandachten des Deutschlandfunks oder von Predigten des Linzer Sozialreferats, die ihm gefallen hatten. Und zum Namenstag bekam ich mehrmals den Text eines Aloisius-Liedes von ihm gesandt.

Mit großer Dankbarkeit gehe ich davon aus, dass Jakob mit festlicher Musik und Gesang in verschiedenen Sprachen empfangen werden wird!