Montag, 31. August 2026

Welcher Lohn für welche Arbeit?

Wir hatten Besuch, zwei Tage blieb Peter bei uns. Unter anderem sprachen wir über seine berufliche Tätigkeit. Er war nach seiner Lehre als Schwachstromelektriker in der Firma (ein Weltkonzern!) aufgestiegen zum „Problemmanager“ für Computerlösungen. Als er von den internationalen Konferenzen erzählte, die er zu leiten hatte, eben um „Probleme zu managen“, mit Kollegen aus verschiedenen Ländern, unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten, abgesehen vom verschieden „gefärbten“ Englisch, da wurde sehr deutlich, dass dies eine stressige Angelegenheit sein muss. Peter erzählte, dass er tatsächlich bereits vor 20 Jahren überlegt hatte, auszusteigen und etwas anderes zu tun. Seinen Zivildienst hatte er in der Altenpflege geleistet und das hatte ihm Freude gemacht. Beim Blick auf das Gehalt dort hat er sich jedoch entschieden, „noch 20 Jahre durchzubeißen“, bevor er in eine Form der Altersteilzeit gehen konnte.

Das Gespräch geht mir nach, nicht nur weil da einer im Blick auf das Gehalt nicht den Beruf ausübt, den er vielleicht bevorzugen würde. Sondern auch, weil ich mich nach den Begründungen für solche Gehaltsunterschiede frage. (Schließlich werden Leute im Pflegebereich ja gesucht!) Warum muss denn jemand mehr verdienen, der sich um (m)einen Computer als diejenige, die sich um meine alte Mutter kümmert?

Während Peter bei uns war, las ich dann von einem Interview mit Martha Zechmeister, welche bei den diesjährigen Salzburger Hochschulwochen mit dem „Theologischen Preis“ für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden war. In besagtem Interview (mit den österreichischen Kirchenzeitungen) plädierte Zechmeister für eine „Zivilisation der Armut“ und sagte unter anderem: "Denken Sie zum Beispiel an die Pflege. Es ist uns in Europa wichtig, wie wir wohnen, welches Auto wir haben, wohin wir auf Urlaub fahren und wo wir speisen. Dafür ist uns keine Ausgabe zu teuer. Aber in Pflegeleistungen wollen wir möglichst wenig investieren! Dafür reicht das Geld nicht. Wo bleibt da die Menschlichkeit?"

Mir kam dann auch wieder das Buch des vor vier Jahren verstorbenen Psychiaters Klaus Dörner in den Sinn: „Leben und sterben, wo ich hingehöre“, in welchem er das „Heim-Modell“ kritisch hinterfragt. Ich bin hin und her gerissen auch aufgrund eigener Erfahrungen mit älteren Mitbrüdern in meiner Gemeinschaft. Wie schön, wenn sie in einer unserer Hausgemeinschaften leben können. Und Respekt vor allen, die sich dafür konkret einsetzen und viel Zeit investieren. Und dann gibt es auch den Zeitpunkt, zu dem eine Gemeinschaft überfordert scheint, ähnlich wohl wie eine Familie, und doch einen Platz in einem Alten- und Pflegeheim sucht. Der Aufenthalt dort wird immer teurer. Und trotzdem sind die Pflegekräfte unterbezahlt. Wobei es andererseits auch schade ist, wenn es vor allem und zuerst um Geld geht.

In den vergangenen Jahren bekam ich in Italien mit, wie sich in den heißen Sommern die Gemeinschaft Sant' Egidio besorgt an die Öffentlichkeit wandte und dazu aufforderte, die alten Menschen in Alten- und Pflegeeinrichtungen nicht zu vergessen, weil diese unter Umständen nicht genug ans nötige Trinken erinnert würden. Ob da im familiären Umfeld zu Hause eher möglich ist?

Ich bringe diese Überlegungen zusammen mit der Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV., die ich zu lesen begonnen habe. Im dritten Kapitel geht er unter Rückgriff auf seinen Vorgängen Franziskus kritisch auf das sich zunehmend durchsetzende „technokratische Paradigma“ ein, „also die Tendenz, persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen“. Franziskus sprach ja auch gelegentlich von der „Wegwerfgesellschaft“.

Peter – unser Besuch – erzählte davon, dass es oftmals kostengünstiger sei, einen Computer neu zu installieren als Reparaturversuche zu unternehmen. Andere würden evtl. sogar gleich ein neues Gerät vorschlagen. Es wird mehr als heikel, eine solche Mentalität auf menschliche Wesen übertragen zu wollen...

Samstag, 15. August 2026

Lauretanische Litanei

Wie zitiert Wikipedia das Projekt „Deutsche WortSchätze“: „Umgangssprachlich wird das Wort „Litanei“ auch in abwertender Form für eine endlose Aufzählung oder ein eintöniges Gerede verwendet." Das ist ähnlich, als wenn wir es mit jemandem zu tun haben, der oder die „gebetsmühlenartig“ dasselbe wiederholt. Wieso also Litanei?

Abgesehen von der Kostbar-Blut-Litanei, die ich schon längere Zeit bete, habe ich mir seit kurzem auch die Lauretanische Litanei vorgenommen. Die Motive sind zum Teil ähnlich, dann aber auch verschieden. Verbindend ist – ganz banal - der „mnemotechnische“ Reiz: manche lernen ja Gedichte auswendig, ich eben eine Litanei. Die grauen Zellen wollen trainiert werden. Vielleicht hilft es gegen die Altersvergesslichkeit.

Im Fall der Kostbar-Blut-Litanei kam als Motiv der Wunsch hinzu, noch mehr hineinzuwachsen in das, was ich bin: eben Missionar vom Kostbaren Blut. Also nähere ich mich diesem Lebensentwurf (auch) auf dem Gebetsweg.

Die Lauretanische Litanei mag ich aufgrund verschiedener Assoziationen. Im Elternhaus meiner Mutter wurde sie wohl öfter gebetet. Ich erinnere mich, wie sie einmal erzählte, ihr jüngerer Bruder wollte als Kind gerne das Gebet „mit dem goldenen Haus“ beten. Klar, das muss die Phantasie eines Kindes beflügeln: „Du goldenes Haus – bitte für uns“. Vor meinem geistigen Auge sehe ich meine Großeltern mit ihren beiden Kindern, eben meiner Mutter und meinem Onkel, zusammen mit der im Haushalt lebenden Mutter meines Opas, in der Stube ihres Hauses in Schlesien bzw. später nach der Vertreibung im westfälischen Münsterland, um den Tisch sitzen und beten. Wir haben zu Hause nicht die Lauretanische Litanei, aber doch gemeinsam als Familie gebetet. Was sich für mich bis heute mit dem Gefühl von Geborgenheit in der Familie verbindet. Auch wenn der Theologe in mir die ein oder andere Formulierung in einem Gebet von damals kritisch hinterfragt, es tut der Erfahrung keinen Abbruch. Ich vermute, das ist durchaus öfter so im Gebetsleben von Menschen und ihrer kirchlichen Praxis. Da lässt sich gar nicht alles rational erklären und nachvollziehen, viel hat mit Emotion zu tun. Klar kann das auch zu Oberflächlichkeit führen, wenn nicht sogar gefährlich werden.

Als Missionar durfte ich einige Jahre gemeinsam mit P. Hugo zusammen leben, zu dessen täglichen Gebeten die Lauretanische Litanei gehörte, wie er mir einmal sagte. Auch wenn wir uns bezüglich unserer Frömmigkeitspraxis unterschieden und ich manchmal über den alten Mitbruder lächelte, er hat mich andererseits durch seine Art, sein Engagement, seinen Fleiß und seine Schlichtheit im guten Sinn sehr beeindruckt.

Was mir an der Lauretanischen Litanei auch gefällt ist, dass sie ein gewachsenes Gebet ist. Immer wieder einmal hat ein Papst eine Anrufung hinzugefügt, zuletzt tat das Papst Franziskus, der unter anderem „Du Hilfe (oder, je nach Übersetzung, Trost) der Migranten“ einfügte. Was da zunächst einmal nur „altertümlich“ oder „verstaubt“ klingen mag, hat mit gelebter Geschichte zu tun. Es verbindet mich mit Menschen durch Jahrhunderte hindurch und mit dem, was diesen in ihrer Zeit wichtig war und von Bedeutung schien.

Einige Jahre hindurch war ich Wallfahrtsseelsorger an einem Marienwallfahrtsort. Die Maiandachten waren dort sehr gefragt und besucht (und sind es bis heute). Tatsächlich achtete ich darauf, dass bei jeder Maiandacht die Lauretanische Litanei vorkommt. Vermutlich hatte mich auch eine „informelle Umfrage“ bei Mitfeiernden („Was gehört für Sie unbedingt zu einer Maiandacht?“) dazu motiviert.

Besonders gefällt mir schließlich ein Gedanke von Chiara Lubich, die mir wie wohl niemand anderer half und hilft, die Verbindung von Leben und Glauben zu entdecken. Einen ihrer bekanntesten Texte zu Maria schließt sie mit: „Sing (bzw. bete) die Litanei und versuche, dich in ihr widerzuspiegeln“.

Damit werde ich so schnell nicht fertig. Wenn auch ich „Ursache der Freude“ für andere, „Trost der Betrübten“ oder eben „Hilfe der Migranten“ sein will. Spätestens hier bleibt die Litanei nicht ein langweilig-eintöniger Wortschwall, sondern provoziert mich geradezu zu einem Leben mit der „großen Schwester im Glauben“ und anhand ihres Beispiels.