Die 14tägig stattfindende Sitzung unseres Pastoralteams beginnt mit einem Gebet. Gestern war Simon dran und las von seinem Handy ein Gebet in Reimform ab, welches sowohl das Wetter (Schnee und Frühlingssehnsucht), als auch den Anlass, eben unsere Sitzung, aufgriff. Mir gefiel der Text, ich fand ihn sympathisch. „Ist das von Dir?“, fragte jemand Simon. „Nein“, lachte er. Vermutlich hatten wir ein KI-generiertes Gebet gehört bzw. gebetet. Die beiden vorigen Male waren jeweils andere Personen mit der Sitzungsleitung und dem damit verbundenen Einstiegsgebet an der Reihe. Beide um einige Jahre älter als Simon. Und so gab es einmal das „Gebet einer älteren Ordensfrau“, das manchmal Teresa von Avila zugeschrieben wird, bzw. einen aus einem Jahresbuch bzw. Kalender vorgelesenen neueren Segen, passend zum Neuen Jahr. Die Nutzung von KI ist wohl, wenn auch nicht nur, eine Generationenfrage. Es geht mir noch nach, dieses von künstlicher Intelligenz erzeugte Gebet, welches ich da gebetet habe. Und ich bin gespannt, halb neugierig, halb besorgt, auf die weiteren Entwicklungen.
Neulich sah ich mir einen Vortrag der Schriftstellerin Felicitas Hoppe an, in welchem sie zweimal von „unserer kleinen Schwester KI“ sprach. Das klingt liebevoll, vertraut, und – im wörtlichen Sinn – familiär.
An dem Tag, an welchem wir nachmittags zur Sitzung des Pastoralteams zusammen kamen, nahm ich vormittags an einem Webinar mit dem Titel: „AI and our Intimate Self: Reading Chinese Experiences in a Cross-Cultural Discourse“ (KI und unser intimes Selbst: Chinesische Erfahrungen in einem interkulturellen Diskurs lesen) teil, sehr spannend. Präsentatorin, Moderatorin und drei Referentinnen, alles in Frauenhand.
Besonders beeindruckend eine junge Professorin in Hongkong, welche viel zum Konfuzianismus forscht und schreibt, Bella Pei Wang. Von ihr gibt es z.B. einen Artikel „Sex Robots as Perfect Confucian Wives?“(Sexroboter als perfekte konfuzianische Ehefrauen?) aus dem Jahr 2024. In diesem wehrt sie sich gegen die von einem anderen Wissenschaftler vertretene Theorie, nach der ein Sex-Roboter möglicherweise das Ideal einer „gehorsamen und stets verfügbaren Frau“ verkörpere. Sie hält diese Ideen für frauenfeindlich und nicht mit dem Konfzianismus vereinbar, so wie sie ihn versteht. Um welches Frauenbild und um welche Vorstellung von Sexualität geht es?
Eingangs hatte die Moderatorin der Veranstaltung von einem ihrer Studenten erzählt, der ganz geknickt war, nachdem die Beziehung zu dem Chatbot, in den er verliebt war, bzw. mit dem er „eine Beziehung hatte“, auseinander gegangen war. Tatsächlich soll es ja wegen solcher Vorkommnisse bereits den ein oder anderen Selbstmord gegeben haben.
Bella Wang erzählte, dass es gemäß dem Konfuzianismus wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sei, auch einmal alleine sein zu können. Ohne Zeiten des Alleinseins keine Entwicklung. Hier geschieht nun etwas Seltsames. Die technischen Möglichkeiten, KI und natürlich vor allem soziale Netzwerke, verhindern einerseits das Allein-Sein. Weil sie dazu verleiten, ständig online zu sein, Informationen ein- und aufzusaugen. Und andererseits geraten genau dadurch viele in eine geradezu krank machende Isolation hinein.
Die Moderatorin des Webinars wagte es, scherzhaft vom „Roboter-Sex“ ausgehend, auf eine typische Restaurant-Szene hinzuweisen, wo lauter Leute gemeinsam an Tischen sitzen, welche alle auf ihre Handys blicken und darauf konzentriert sind. Wie also sieht unsere Beziehungsqualität und Intimität aus?
Sehr wohltuend darum eine andere der Referentinnen, S. M. Bhagya P. Samarakoon,
als Forscherin im technischen Bereich in Singapur tätig. Sie zeigte Fotos von humanoiden Robotern und erklärte gleichzeitig deutlich, dass es bei der künstlichen Intelligenz eben letztlich um Software geht, Technik.
Es ist, es bleibt und es wird spannend. Ich hoffe, dass wenn Maschinen scheinbar immer mehr dem Menschen ähnlich werden, nicht die Menschen immer mehr Maschinen ähnlich werden...