Freitag, 31. Juli 2026

Lob der Langsamkeit

Wenn ich mich recht erinnere, dann war es Rosa Ramos, die vor kurzem ein Loblied auf die Langsamkeit angestimmt hat, nachdem sie darauf hinwies, dass kaum noch alte Handarbeitstechniken wie Weben oder Sticken praktiziert werden, ja Menschen sich oft genug auch nicht mehr die Zeit zum Kochen nehmen. Es muss schnell gehen!

Wahrscheinlich wird der eine oder die andere Rosa Ramos widersprechen und auf die vielen Kochshows im Fernsehen hinweisen. Und trotz der elektronischen Küchenhelfer (oder gerade wegen dieser) gibt es viele Leute, die Freude am Kochen haben.

Eckhard Bieger meinte, dass vielleicht in Zukunft die Baumärkte viel zu tun bekommen, wenn Leute in einer roboterisierten Welt anfangen, wenigstens ihre Möbel selbst bauen zu wollen.

Nachdem ich weder kochen kann noch handwerklich begabt bin, frage ich mich, wie ich mit der Zeit und der Langsamkeit umgehe.

Ich genieße das Gehen. Schon von der Art der Bewegung ziehe ich es noch dem Fahrrad-Fahren vor. Und dann ist es noch einmal langsamer. Einige Male waren wir auf Fußwallfahrt im Tiroler Inntal unterwegs, zwei Tage von Georgenberg (bei Schwaz) nach Kufstein. Und im Urlaub bin ich einmal in der umgekehrten Richtung gewandert, von Innsbruck bis Feldkirch (österreichischer Jakobsweg). Seitdem habe ich immer den Eindruck: „es geht viel zu schnell!“, wenn ich diese Strecke mit dem Auto oder dem Zug zurück lege.

Von meinem jetzigen Wohnort aus habe ich angefangen, in Etappen den Hellweg zu gehen, eine alte Handelsstraße, die es bereits vor den Römern gab. In Neuenheerse bin ich gestartet und inzwischen bis Soest gekommen, dieser Tage möchte ich weiter und Dortmund erreichen. Langsam, Schritt für Schritt, Kilometer um Kilometer.

Gerne gehe ich durch den Wald, freue mich an den Spiegelungen des Lichtes in den Blättern der Bäume. Diese sind ja selbst Zeugen der Langsamkeit: „Zu fällen einen schönen Baum,
braucht's eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert!“ (Eugen Roth).

Kein Wunder, dass es mir sehr sympathisch war, im Rahmen einer Ausbildung für Verantwortliche in religiösen Gemeinschaften darauf hingewiesen worden zu sein, mich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen. Wenn andere sofort eine Entscheidung erwarten oder eine Antwort möchten: „Nein, ich muss darüber nachdenken!“ Oder die Sache auch ins Gebet nehmen.

Die Erfurter Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens brachte es sogar mit der Partizipation (eine der Säulen der Synodalität) in Verbindung, als sie von ihrer Skepsis gegenüber bzw. Ablehnung von „Tischvorlagen“ erzählte. Wenn du erst bei der Sitzung die Tagesordnung siehst und dann eventuell sogar noch über den ein oder anderen Tagesordnungspunkt abstimmen sollst. Das geht nicht! Wie sehr habe ich schon unter ähnlichen Praktiken gelitten. Die Tagesordnung für eine Sitzung kam am Abend vorher oder zwei Stunden vor Sitzungsbeginn via Mail. Da ich im Normalfall nur einmal am Tag meine Mails anschaue, konnte es vorkommen, dass ich die Tagesordnung vor der Sitzung gar nicht gesehen hatte.

Ich bin meinen Kolleginnen und Kollegen im Pastoralteam hier sehr dankbar, dass sie meinen Vorschlag angenommen haben, Vorschläge für die Team-Sitzung (jeden zweiten Donnerstag Nachmittag) bis spätestens Mittwoch Abend einzubringen. Früher war das bis Donnerstag 11.00 Uhr möglich. Jetzt kann ich und können wir zumindest den Donnerstag Vormittag noch nutzen, um uns auf die nachmittägliche Sitzung vorzubereiten.

Ich meine, trotz Handy- und Computernutzung lohnt es sich, nicht immer sofort zu reagieren und sich (und anderen!) Zeit zu lassen und zu geben. Gemäß dem im Flur des Pfarrhauses meines früheren Heimatpfarrers zu lesenden Spruch: „Gott schuf die Zeit. Von Eile hat er nichts gesagt“.

Gut Ding will Weile haben!

Mittwoch, 15. Juli 2026

KI und Freiheit

Am Morgen las ich einen italienischen Text und verstand dabei ein Wort nicht. Also klickte ich auf dem Handy das Online-Wörterbuch an. Was sich dort jedoch zunächst öffnete, war ein Fenster, welches mich auf die Möglichkeit der KI-Übersetzung hinwies, zu der mein Handy in der Lage sei. Etwas genervt schloss ich das Fenster und fand im Wörterbuch die Übersetzung des Wortes, die ich gesucht hatte. Klar weiß ich um Übersetzungsprogramme und nutze auch eines, wenn ich einen längeren Text übersetzen möchte. Aber dann entscheide ich mich dafür! Grundsätzlich will ich mir die Option des selbständigen Übersetzens offen halten, ich halte das auch für einen kreativen Prozess.

Vor kurzem z.B. wünschten die Angehörigen eines Mannes, der von Beruf Förster und dessen Leben von einer großen Naturverbundenheit gekennzeichnet war, dass bei der Messe am Tag seiner Beisetzung der „Sonnengesang“ des hl. Franziskus gelesen werden solle. Die Schwiegertochter las dann die Version, so wie sie im Gotteslob (19/2) steht. „...Gelobt seist du, mein Herr für Schwester Mond und die Sterne...“ Sucht man auf der Homepage der (deutschen) Franziskaner den Sonnengesang, so heißt es dort: „Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne“. Also einmal „für“ und einmal „durch“. Was doch zugegebenermaßen ein Unterschied ist!

Das „per“ im italienischen Original („Laudato si’, mi signore, per sora luna e le stelle“) lässt beide Übersetzungsmöglichkeiten zu, „für“ oder „durch“. Wenn ich mir also den italienischen Sonnengesang durch KI übersetzen lasse, dann ist zu erwarten, dass ich eine der möglichen deutschen Versionen erhalte. Ich aber freue mich dabei nicht am mehrdeutigen „per“ und muss bzw. darf nicht meine Übersetzungsentscheidung treffen.

Später am Tag saß ich dann am PC, um E-Mails zu lesen und zu beantworten. Und störte mich wieder einmal daran, dass bei der Beantwortung einer Mail sofort ein Fenster mit dem Angebot zu sehen war, dass die KI für mich die Beantwortung übernehmen oder eine Mail kürzen würde. Ich schloss das Fenster. Ich werde mich schon melden, wenn ich derartige Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Aber auch das Schreiben einer Mail muss ja nicht nur eine lästige Pflicht sein, sondern kann wiederum ein kreativer Prozess sein. Wofür sollte ich außerdem die gewonnene Zeit verwenden?

An einem anderen Tag wollte ich mir abends zur Entspannung einen Krimi ansehen. Und – jetzt fühlte ich mich doch tatsächlich ertappt und durchschaut! - was lese ich da auf dem Bildschirm: „da Sie gerne Krimis sehen, haben wir folgende Empfehlungen für Sie!“ Ist ja irgendwie nett, aber mir wird doch wieder neu bewusst, wie „gläsern“ der Mediennutzer wird.

Der gute alte Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel meinte, die Weltgeschichte sei eine Geschichte wachsender Freiheit: die Welt bewege sich von einer Abnahme äußerer Autorität hin zu einer Zunahme individueller Autonomie. (So habe ich es in einem online zugänglichen Artikel „Secularization, Models of the Church and Spirituality: The Future of the Church in Light of Today's Trends“ des ungarischen Jesuiten Ferenc Patsch gelesen). Angesichts der Hilfsangebote meiner technischen Hilfsmittel, welche mir Übersetzungen, Briefe-Schreiben und Filmauswahl abnehmen wollen, habe ich den Eindruck, um meine individuelle Autonomie ringen zu müssen, um nicht meine Freiheit zu verlieren.

Ob es ein überzogener Pessimismus der Kritiker/inn/en der Möglichkeiten künstlicher Intelligenz ist, wenn sie darauf hinweisen, dass die Gefahr bestehe, das Denken bzw. das Fragen zu verlernen, was letztlich unter anderem auch gefährlich für die Demokratie sein kann?