Samstag, 28. Februar 2026

Lesen, hören, wundern...

Am Vorabend des ersten Fastensonntags war ich zur Messe im Paderborner Dom. Und hatte dabei ein mich nachdenklich stimmendes Erlebnis: es gab nur eine Lesung! Was vermutlich für alle (?) anderen Mitfeiernden nicht eines Gedankens wert war, hat mich völlig irritiert. Nachdem ich mehr als fünf Jahre in Italien, aber auch in anderen Ländern, zwei Lesungen als „normal“ erlebt hatte, war ich an diesem Abend mehr als verwundert. Im pastoralen Alltag der Gemeinden, in denen ich seit gut zwei Monaten Dienst tue, hatte ich mich ja schon wieder an „nur eine“ Lesung gewöhnt. Aber im Dom! Da hatte ich tatsächlich die „richtige“ Liturgie erwartet.

Nach der „Schock-Phase“ begann die Reflexion. Aha – es geht also auch anders, selbst im Dom! Und ich erinnere mich, einmal gehört zu haben, dass auch der große Bibliker Carlo Maria Martini, nach Jahren als Professor und Direktor des römischen Bibelinstituts später Erzbischof von Mailand, Zweifel an den von der liturgischen Ordnung vorgesehenen zwei Lesungen hatte. Sind das nicht zu viele Worte? Sind nicht viele Mitfeiernde schlicht überfordert? Wir kämpfen doch andererseits mit der Wortlastigkeit in der Liturgie. Martini ist vor inzwischen 14 Jahren verstorben. Während ich seine Texte immer noch mit Freude und Gewinn lese, hat sich die Kultur in den vergangenen Jahren verändert. Bilder spielen eine immer größere Rolle, die Fähigkeit aufmerksamen Zuhörens ist – so wird man sich eingestehen müssen, ohne damit jemanden zu verurteilen – geringer geworden. Also ist wohl die liturgische Lesung mit „nur einer“ Sonntagslesung gerechtfertigt.

Lustigerweise hat mir dieses Reflektieren auf der inhaltlichen, auf der Sachebene aber nicht richtig geholfen in meinem inneren Aufgewühlt-Sein.

Und wenn Du Dich jetzt beim Lesen wunderst, worüber ein Mensch irritiert oder weswegen er aufgewühlt sein kann: genau das ist für mich zum zweiten Teil des Nachdenkens geworden.

Ist das nicht in anderen Bereichen auch so, dass wir aufgrund unserer Erziehung oder Sozialisation oder schlicht einer jahrelangen Praxis an Dinge gewohnt sind, die wir als selbstverständlich voraussetzen, die das für andere aber gar nicht sind?

Ein ganz banales Beispiel mag – obwohl wir uns jetzt Ostern nähern, Entschuldigung – Weihnachten sein. Mit diesem Fest sind für viele Menschen starke Erfahrungen und Emotionen verbunden, die es mit ganz bestimmten Ritualen oder Bräuchen zu tun haben. Es kann irritieren, wenn hier verschiedene Vorstellungen aufeinanderstoßen. Damit ist dann z.B. in einer Familie, deren Mitglieder ja nicht nur in Patchwork-Konstellationen unterschiedliche Geschichten haben, umzugehen bzw. eine neue Feierkultur zu entwickeln.

Einer meiner Mitbrüder hier liebt es, zum gemeinsamen Morgengebet schon mit einer Tasse Kaffee zu kommen und diese während des Betens zu genießen. Nachdem ich schon vor Jahren einmal in Salzburg eine amerikanische Ordensfrau erlebt habe, die ebenfalls morgens mit ihrem Kaffee in der Kapelle saß, kann ich damit umgehen. Zumal ich die beiden Kaffee trinkenden Personen als spirituell sehr tiefgründige Menschen erlebt habe und schätze. Ich stelle mir vor, dass es für manche(n) anderen ungewöhnlich, fremd wäre.

Ob uns eine zunehmende Interkulturalität hilft, den je eigenen Horizont zu weiten? Wir verwenden jetzt „Interkulturalität“ im Gegensatz zum früheren „Multikulturalität“. Bei dieser scheinen die verschiedenen Kulturen nebeneinander her zu existieren. Bei der Interkulturalität dagegen werden die Beziehungen zwischen den Kulturen in den Blick genommen. Ein Beispiel aus dem interreligiösen Bereich wäre der Ramadan-Kalender, den sich wohl Muslime bei den Christen abgeschaut haben, welche einen Adventskalender haben.

Fazit: ich bin froh, dass ich mich im Paderborner Dom nicht innerlich über „liturgische Unkultur in einer Bischofskirche“ mokiert habe, sondern die Empfindungen wahrgenommen, sie aber auch noch einmal weiter reflektiert habe. Wäre vielleicht öfter und auch in anderen Zusammenhängen hilfreich!

Sonntag, 15. Februar 2026

Kochen - und essen

Ich kann nicht kochen. Sr. Teresa sagt, das sei eine Ausrede. „Mit Hilfe des Internet kann jeder kochen“. Vermutlich hat sie Recht! Inzwischen kenne ich auch zumindest zwei Koch-Internetseiten, aber daraus ist noch keine Kochpraxis entstanden. Meine Schwägerin hingegen riet mir zum Kauf eines Thermomix. Damit und mit der zugehörigen App sei das Kochen absolut keine Kunst. Warum kann ich nicht kochen? Ich versuche, mir selbst auf die Schliche zu kommen. Hat es mit einer gewissen Ängstlichkeit und der damit verbundenen mangelnden Experimentierfreude zu tun? Es könnte ja anbrennen oder schlicht nicht schmecken.

Ganz praktisch: ich „musste“ einfach nie kochen. Selbst in dem Jahr in Madrid, wo wir unseren Haushalt selbst bestritten, war ich höchstens für Dienste am Rand eingeteilt: Tisch decken, Brot beim Chinesen in der Nähe holen, abwaschen...

Als Student in Mainz bin ich selbst am vorlesungsfreien Samstag noch zur Uni-Mensa geradelt. Wobei, zu meiner Ehrenrettung sei es gesagt: am Sonntag bemühte ich mich dann tatsächlich darum, mir etwas Warmes zuzubereiten. Was im Normalfall auch gelang. In meinem Mini-Studentenzimmer kam dazu eine elektrische Kochplatte auf den Tisch, der sonst Schreibtisch war. Also nicht Mikrowelle, nein! In Mainz habe ich sogar einmal gebacken. Nicht allein, nein. In unserem Polnisch-Kurs bekamen wir die Aufgabe, ein polnisches Rezept auszuprobieren. Gemeinsam mit anderen war ich für den Mohnkuchen zuständig. Soweit ich mich erinnere, hatten wir uns mit der Honigmenge vertan. Was sich negativ auf die Konsistenz des Kuchens, nicht auf seinen Geschmack auswirkte.

Aktuell lebe ich mit zwei Mitbrüdern zusammen, die beide kochen können. Wir führen unseren Haushalt selbst. Josef etwa hat einen grünen Daumen und kümmert sich um Zimmerpflanzen an verschiedenen Stellen.

Interessant für mich ist, wie das Thema Kochen und Essen das Leben bzw. die Wahrnehmung der Wirklichkeit prägen. „Was essen wir denn morgen?“ ist bei uns nicht die existentielle Frage wie bei Menschen, denen das Nötigste fehlt und die Hunger leiden. Bei uns geht es darum, was eingekauft werden muss. Mein Respekt gilt allen, welche sich in Familien und Lebensgemeinschaften Gedanken zu abwechslungsreicher Ernährung machen, Tag um Tag, Woche um Woche... Wenn früher Sr. Emma halb ernst-, halb scherzhaft fragte: „sag mir, was soll ich denn kochen?“, dann kannte sie schon meine wenig hilfreiche Antwort: „etwas Gutes und nicht zu wenig!“

Noch etwas, das mit der Thematik Kochen und Essen verbunden ist: um die Vorlieben der anderen zu wissen. Liebe geht eben tatsächlich auch durch den Magen. Obwohl ich nicht heikel bin, wussten Schwestern an verschiedenen Stellen meine bevorzugten Lieblingsgerichte. Manchmal gab es eines davon, wenn ich nach einer Zeit der Abwesenheit auf Besuch kam. Am jetzigen Ort weiß ich zumindest, dass Josef gerne Bananen hat, also kaufe ich regelmäßig welche ein. Wenn möglich fair gehandelte. Fisch aus der Dose mag er auch gern, auch schon zum Frühstück. Also achte ich darauf, dass immer etwas im Vorrat ist.

Fast zwei Jahre war ich als Pfarrer in Salzburg mit einem indischen Mitbruder zusammen. Yesuraj ist ein fantastischer Koch. Bald nach seiner Ankunft zogen wir gemeinsam los, um einen Reiskocher zu kaufen. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass es so ein Gerät gibt. Und natürlich hatte J

Yesuraj auch bald das ein oder andere Asia-Geschäft entdeckt, um an seine Gewürze und Zutaten zu kommen. Es war schon etwas Besonderes, auch einmal jemand zu einem indischen Abendessen im Pfarrhaus einladen zu können.

Wenn mir also einerseits die Fähigkeit fehlt, anderen durch Kochkünste eine Freude zu bereiten, so erinnere ich mich an einen Tiroler Pfarrer, der vor Freude strahlend sagte: „was bin ich froh, dass ich nicht singen kann. So bin ich immer auf Hilfe angewiesen – und das ist gut so. Besser, als wenn ich alles allein machen würde“. Jetzt lassen sich Singen und Kochen nicht unbedingt vergleichen, aber ein wenig tröstet mich die Argumentation doch.