Freitag, 31. Mai 2024

Vier Tage im Mai in Rom

Endlich! Lange hatte ich auf eine solche Initiative gewartet: ein gemeinsames Gebet um den Frieden. Die italienische Bischofskonferenz traf sich für eine allfällige Versammlung und hatte die Idee, gemeinsam um den Frieden zu beten und dazu auch andere einzuladen. Seltsamerweise nicht sehr breit gestreut. Am Montag, den 20. Mai, machte ich mich also abends Richtung Petersdom auf den Weg und traf dort mit anderen Ordensleuten zusammen. In gemeinsamer Prozession zogen wir hinter den Bischöfen in die Basilika ein und beteten gemeinsam den Rosenkranz. Vor den einzelnen Gesätzen las ein Mann einen passenden Bibeltext, eine Frau ein jeweils darauf bezogenes Zitat von Papst Franziskus. Das Rosenkranzgebet begann um 21.00 Uhr und nicht nur ich war müde. Und doch war es gut und tat es gut, sich mit anderen gemeinsam im Gebet um den Frieden zusammen zu tun.

Tags darauf war ich in Santa Maria Ausiliatrice, einer Kirche im Quartier Tuscolano, nicht sehr weit entfernt vom Sitz unserer italienischen Provinzleitung. Anlass war die Feier der ewigen Gelübde der Missionarinnen der Nächstenliebe von Mutter Teresa. Nachdem ich seit einiger Zeit einmal wöchentlich in einer der Einrichtungen der Schwestern helfe, hatte ich davon mitbekommen. 16 Schwestern aus elf verschiedenen Nationen legten ihre ewigen Gelübde ab, nach „langer Vorbereitung und guter Unterscheidung“, wie der Hauptzelebrant Kardinal Roche betonte. Die Novizinnen und Postulantinnen der Gemeinschaft hatten einen Chor gebildet und sangen wunderschön. Viele Kinder, kleinere und größere waren da, wohl aus der Verwandtschaft und Bekanntschaft der Schwestern. Ich musste schmunzeln und fand es gleichzeitig passend, als der Kardinal von den „Chören der Engel“ sprach und das Kindergeschrei in der Kirche zu hören war. Ein schönes Fest! Wohl auch eine herausfordernde Begegnung der Gegensätze: die Schwestern in ihren Saris, welche Körperformen eher verhüllen auf der einen Seite und manch junge Dame in sehr körperbetontem Festgewand auf der anderen Seite. Was werden die einzelnen empfunden haben? Vielleicht gehört es mit zur Berufung der Stadt Roms, in der manches wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint, genau dadurch auch unaufdringlich zu provozieren, in Frage zu stellen. Was macht das Leben aus bzw. wofür lebst Du?

Ich konnte nicht ganz bis zum Ende der Feier bleiben, verließ die Kirche 1 ¾ Stunden nach dem Beginn des Gottesdienstes, denn es war noch ein weiterer Termin im Kalender: das letzte von drei Fortbildungstreffen des Centro Astalli (der italienische Zweig des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes) an der Universität Gregoriana. In diesem Jahr – einen Monat vor der Europawahl – ging es bei diesen Zusammenkünften jeweils um die Frage „Migration und Europa“. Unter verschiedenen Aspekten, beim letzten der Dienstags-Treffen stand das Klima, der Klimawandel bzw. die Klimakrise und ihre Auswirkungen auf die Migration im Mittelpunkt.

Zwei Tage später schließlich gab es eine Einladung in die Residenz des Deutschen Botschafters beim Hl. Stuhl. 75 Jahre Deutsches Grundgesetz war der Anlass. Nach dem Vortrag eines in Rom lehrenden Professors ging es ans Buffet und am Stehtisch trafen wir uns eher zufällig als vier aus Deutschland stammende Ordenschristen. Ein auch nach seiner Emeritierung an der Gregoriana lehrender Jesuit, eine Berliner Benediktinerin, die am Monastischen Institut in San Anselmo unterrichtet und eine Pallottinerin, die im Generalat ihrer Gemeinschaft mitarbeitet, sozusagen eine „Kollegin“.

 

Mittwoch, 15. Mai 2024

Dankbarkeit am Morgen

Fürs Aufwachen dankbar setze ich mich nach Morgengymnastik und -kosmetik auf den Gebetsschemel. Und höre. Zunächst das Vogelgezwitscher. Ich kann nicht die Vogelarten aufgrund ihres Gesangs bestimmen (mischt sich gerade ein Käuzchen ein?), aber das tut meiner Freude an ihrem vielstimmigen Gesang keinen Abbruch. (Ähnlich wie ich auf einem Berggipfel mich freue, wenn jemand die Namen der anderen Gipfel kennt, die von dort aus zu sehen sind, aber keinesfalls traurig bin, wenn ich alleine dort stehe und einfach das Panorama genießen kann). Ich kann hören! Nicht (mehr) mit beiden Ohren, nach einem Hörsturz vor bald vier Jahren, aber doch mit einem Ohr. Was bin ich dankbar, hören zu können. (Und ich bin dankbar, dass ich nicht mehr unter Schwindel leide, wie in den ersten Monaten nach dem Hörsturz. Auch kein Tinnitus ist zurückgeblieben.)

In das Vogelgezwitscher hinein höre ich jetzt sich ein anderes Piepsen einmischen. Es ist das Müllauto, bzw. die Müllautos. Wir haben nicht als Haus(halt) unsere eigenen Mülltonnen, sondern tragen die Abfälle zur nächstgelegenen „Müllinsel“ auf der Straße. Dort stehen nebeneinander Container für Altglas, Altpapier, Plastik- und Metallabfälle, Bio- und Restmüll. Und obwohl immer wieder über das Müllproblem in Rom geklagt wird und tatsächlich viel Müll herumliegt, weil Menschen einfach gedankenlos ihre Sachen wegwerfen: die Müllabfuhr funktioniert – zumindest in unserem Stadtteil – gut. Ich bin dankbar, das Müllauto zu hören und für den Dienst der Menschen. Im Inneren abgespeichert habe ich auch Bilder von Müllbergen in Straßen aufgrund Streiks der Müllabfuhr. Ein weiteres dankbares Hören.

Zudem sich schließlich ein drittes gesellt: Wasserrauschen in der Leitung. Aha, auch über mir ist jemand aufgestanden. Welch ein Glück, dass die Sanitäranlagen funktionieren. Hörte ich doch bei einer Tagung vor einigen Wochen den römischen Bürgermeister sagen, dass Tausende Menschen in Rom ohne funktionierendes Abwassersystem leben. Kaum zu glauben, aber es scheint so zu sein. Also auch das funktioniert!

Nach der Gebetszeit im Zimmer gehe ich einen Stock tiefer mein Frühstücksmüsli bereiten und danach kurz aus dem Haus. Abgesehen von der guten Luft am Morgen bewundere ich immer wieder, wie das Licht der aufgehenden Sonne etwa die Kronen der Pinien golden leuchten lässt. Oder auch das Laub anderer Bäume zum Leuchten bringt…

 

Dienstag, 30. April 2024

Volontariat (2)

Im September des vergangenen Jahres traf ich beim Einkaufen im Drogeriemarkt zwei Schwestern der Gemeinschaft Mutter Teresas und half ihnen, die schweren Einkaufstaschen zum Auto zu tragen. Wir kamen ins Gespräch („Ihr habt aber einen richtigen Großeinkauf gemacht!“) und sie erzählten mir, dass sie ein Haus haben, in welchem sie Männer in schwierigen Situationen aufnehmen. „Könnt Ihr denn dort auch Hilfe gebrauchen?“ „Ja sicher, irgendjemand muss immer gewaschen oder rasiert werden!“ Ups!, das war jetzt konkreter, als ich mir das vorgestellt hatte. Da eine zweieinhalbmonatige Südamerikareise anstand, war die Frage ohnehin nicht aktuell. Aber die Begegnung blieb mir haften und Anfang Februar wagte ich mich zur Niederlassung der „Missionarie della carità“, fußläufig von meinem Wohnsitz in einer Viertelstunde zu erreichen. Die Oberin zeigte mir das Zimmer, in welchem sich Mutter Teresa bei ihren Rom-Besuchen aufgehalten hatte und meinte, Mittwoch wäre ein günstiger Tag, in der nebenan gelegenen „casa di accoglienza“ (wo also die Männer sind) zu helfen.

Etwas nervös ging ich also am darauffolgenden Mittwoch dorthin und wurde in die Küche geführt. Inzwischen habe ich mehrere Mittwoche dort hinter mir. Sr. Maria Vicuna ist die Küchenchefin, dann helfen noch zwei oder drei freiwillige Damen. Sie waren z.B. froh, als es darum ging, Kürbisse zu schneiden. Das habe ich inzwischen mehrmals getan und beim letzten Mal spürte ich den ganzen Mittwoch-Nachmittag meine Hand. Ob es auch an der Qualität des Messers lag oder nur am harten Kürbis, vermag ich nicht zu sagen.

Ein anderes Mal rieb ich aus alten Semmeln Semmelbrösel, mit einer ganz normalen Reibe. (Ja, es gäbe auch Maschinen, die diesen Vorgang vereinfachten). Mit der Zeit rieb ich mir nicht nur den Latex-Handschuh auf, sondern auch meinen Daumen, der zu bluten anfing. Was Sr. Mary (mal italienisch, mal englisch) sofort nach einem Pflaster Ausschau halten ließ.

Einmal sollte ich Kohl schneiden – und merkte, wie wenig Ahnung ich habe. Als Sr. Mary mich sah, erklärte sie mir, wie das geht, den Strunk herausschneiden usw. Im Nachhinein betrachtet bin ich dankbar für diese Erfahrung: mich „blöd anstellen“ und etwas dazu lernen können. Deswegen fragte ich ein anderes Mal, welches Gemüse ich denn da schneide. „Bietola“, Futterrübe.

Immer wieder werde ich „als (starker) Mann“ um Hilfe gebeten, wenn es z.B. darum geht, einen mit Wasser gefüllten Topf (die sind wirklich groß, es muss für 40 Leute gekocht werden!) von der Spüle bzw. dem Waschbecken auf die andere Küchenseite zum Herd zu tragen. Oder wenn es darum geht, ein Glas mit Tomatensauce oder anderem Inhalt zu öffnen.

Wenn ich ankomme, ca. 8.30 Uhr, sitzen die etwa 40 Männer in zwei großen Räumen beim Frühstück, welches natürlich mit einem Morgengebet beginnt. Sr. Mary Xavier (also nicht die aus der Küche) liest das Tagesevangelium und legt es ein wenig aus. Schon ein paarmal bat sie mich, dies zu tun. Aber sie macht das so gut, das ich gar keine Ambitionen habe, ihr im Gegenteil gerne zuhöre.

Gegen 11.00 Uhr mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause…