Seit meinem letzten Erste-Hilfe-Kurs sind mindestens zehn Jahre vergangen. Ich erinnere mich noch an den Ort, aber nicht mehr an das Jahr, in dem ich ihn absolviert habe. Höchste Zeit zur Auffrischung. Und es gibt eine gute Gelegenheit in der Aula unserer Schule, von meinem Zuhause in einer Minute zu erreichen, ohne das Haus zu verlassen. Also melde ich mich an und bin einer von 16 Teilnehmenden.
In der Vorstellrunde fällt mir der spanische Akzent eines jungen Teilnehmers auf und so spreche ich ihn in der Pause an: „Woher kommst du?“ „Aus Mexiko“. Eduardo hat bereits dort in der Krankenpflege gearbeitet und auf Facebook entdeckt, dass in Deutschland Krankenpfleger gesucht werden. Also bewarb er sich, etwas abenteuerlustig, und war verwundert, wie schnell dann alles ging. Seit zwei Jahren ist er in Deutschland und bereichert uns beim Erste-Hilfe-Kurs mit seinem Fachwissen.
Bei einer Gruppenarbeit komme ich dann mit Andrej zusammen und frage auch ihn nach seiner Herkunft. „Ich bin aus Kasachstan, seit 1993 in Deutschland“. Sympathisch ist er mit seiner Baseballmütze. Noch ein weiterer Teilnehmer lässt mich aufgrund seines Vornamens und seiner Sprachmelodie auf eine „östliche Herkunft“ tippen, aber leider komme ich an dem Tag nicht mit ihm ins Gespräch. Er braucht den Erste-Hilfe-Kurs, weil er Berufskraftfahrer werden möchte. Und er bringt sich an diesem Tag engagiert ein, wie eigentlich alle Teilnehmenden.
Nach dem Mittagessen (ich war ja privilegiert und konnte kurz zu meinen Mitbrüdern gehen) bediente ich mich in der Aula am bereitgestellten Kaffee. „Ah, Deine Tasse ist Bunzlauer Porzellan“ sagt meine Sitznachbarin Elisabeth. Tatsächlich, daran hatte ich gar nicht gedacht, als ich die blaue Tasse mit großen weißen Punkten wählte. Zur weiteren Vergewisserung hob ich sie noch vorsichtig an, um auf dem Tassenboden lesen zu können. Unnötig, denn die Kursleiterin Brigitte hatte unser Gespräch verfolgt und Elisabeths Vermutung bestätigt. „Stimmt“, sagt sie. Vermutlich hatte Brigitte Kaffee und Tassen mitgebracht. Und das Gespräch geht weiter. Elisabeths Vater stammte aus der Gegend von Breslau und sie war schon öfter dort und auf dem Weg eben auch in Bunzlau, „wo es sich auch gut einkaufen lässt“. Später am Tag, als die auszufüllenden Auswertungsbögen herumgehen, bekomme ich mit, wie sie sich dafür einsetzt, ihren Kugelschreiber wieder zu bekommen: „der ist aus Schlesien!“. Als ich ihn in die Hand nehme, kann ich die polnische Aufschrift lesen. Elisabeth scheint daran zu hängen, wer weiß, welche Erinnerungen damit verbunden sind. Brigitte sagt, sie möchte gerne einmal einen Töpfer-Workshop in Bunzlau mitmachen. Sie stammt aus Oppeln. Ihre Mutter war es leid, Anfang der 70er Jahre ihre Familie nicht richtig versorgen zu können, das System mit Lebensmittelkarten funktionierte einfach nicht. Schlange stehen, um dann eventuell doch nichts mehr zu bekommen. So entschloss sich die Familie zum Umzug nach Deutschland. „Aber es ist für mich nach wie vor etwas Besonderes, auf den Oppelner Straßen zu gehen“, sagt Brigitte. „Wer weiß, was dort aus mir geworden wäre, vielleicht auch eine Lehrerin?“
Ich denke an meine aus Schlesien stammende Mutter sowie an meine Besuche in Bunzlau, heute Bolesławiec. Dort begann die Geschichte der mit uns verbundenen Schwesterngemeinschaft (Anbeterinnen des Blutes Christi) in Polen und bis heute haben sie dort eine große Niederlassung, zum einen für ältere Schwestern, zum anderen ein Mädcheninternat. Die Gründerin der Schwestergemeinschaft, Maria De Mattias ist Stadtpatronin von Bunzlau/Bolesławiec.
Mit gefällt die bunte Truppe beim Erste-Hilfe-Kurs, auch altersmäßig sind wir sehr gemischt, von zwei Kindern, die sich auf den Schulsanitätsdienst vorbereiten, über einige junge Leute, die am Führerschein machen sind, bis zu Menschen meiner Generation. Ein guter Tag!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen