Montag, 15. Juni 2026

Bücher und Menschen

Ich war unterwegs und hatte keinen Lesestoff dabei – ein Zustand, den ich kaum ertrage. Dann lag da im Gastzimmer ein Buch, welches ich vor einiger Zeit einmal gelesen hatte. Ehrlich gesagt hatte ich mich „durchgekämpft“ und vieles nicht verstanden. So dass ich enttäuscht war, das Buch erworben zu haben, mich vom Titel bzw. einem im Internet gefundenen Beitrag des Autors zum Kauf des Büchleins verführt haben zu lassen.

Aber jetzt hatte ich nichts anderes greifbar und wollte lesen! Also griff ich – natürlich mit etwas Überwindung – zu dem Buch, welches mich bei der ersten Lektüre enttäuscht zurück gelassen hatte. Und – war völlig überrascht, weil mich die Gedanken des Autors ansprachen, ich einiges tiefgründig und inspirierend fand. Ja gibt es denn so etwas? Was ist passiert? Bin ich bei der erneuten Lektüre aufmerksamer, wacher? Hatte das erstmalige Lesen den Boden dafür bereitet, dass es beim zweiten Anlauf klappt? Komisch, rätselhaft... Ich gebe zu, es gibt Passagen im Buch, die sich mir weiterhin nicht erschließen. Aber die positiven Empfindungen lassen mich dran bleiben, weiter lesen.

Als ich das Buch aus der Hand lege, gerate ich ins Nachdenken. Wie ist das mit meinen Kontakten oder Beziehungen zu anderen Menschen? Gibt es da Ähnlichkeiten zum Lesen eines Buches? Dass ich bei der einen oder dem anderen froh bin, wenn es zu keinem „Zweit-Kontakt“ kommt und wir uns nicht mehr über den Weg laufen? Und wenn so etwas auch nur an der Tagesform liegen sollte? Würde sich nicht das ein oder andere Mal ein erneuter Anlauf lohnen? Abgesehen davon, dass ich dem/r anderen ohnehin nicht gerecht werde, wenn ich ihn/sie nach einer ersten Begegnung „schubladisiert“ habe. Wer weiß, welche Entdeckungen sich in weiteren Begegnungen machen lassen oder ließen. Also auch hier: dran bleiben, nicht locker lassen, nicht aufgeben...

Vielleicht gibt es ja noch ganz „neue Seiten“ am anderen zu entdecken? Und welche Schätze mögen da noch unentdeckt in meinem Bücherregal stehen? Eben auch im übertragenen Sinn.

Etwas von dem, was mich in unserer Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut am meisten beeindruckt, ist das „Precious Blood Ministry of Reconciliation“ (PBMR) in Chicago. In einer durch Bandenkriege und Gewalt gekennzeichneten Gegend haben die Missionare einen Raum eröffnet, in dem sich Täter und Opfer begegnen. Da kann es einen Gesprächskreis geben von Müttern, die ihre Kinder durch Schüsse verloren haben, mit den Müttern der Todesschüsse. Junge Leute, die vor allem Verachtung erfahren und ausgeschlossen werden, finden einen Ort, an dem sie angenommen und akzeptiert werden, sich öffnen können.

An unserer Schule hier war neulich etwas vorgefallen, eine Schülerin hatte etwas wirklich Übles „ausgefressen“ und als ich über die Sache nachdachte, war mir aufgefallen, dass ich sie innerlich bereits verurteilt hatte. Nachdem ich aber auch Geschichten aus Chicago kenne, revidierte ich meine Meinung. Konkret bin ich der Schülerin gar nie begegnet. Und doch merke ich, dass sich in mir etwas verändert, gewandelt hatte.

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