Dienstag, 15. November 2022

auf der Flucht...

Der folgende Artikel ist vor sieben Jahren (!) von Radio Vatikan veröffentlicht worden. Angesichts der aktuellen Situation möchte ich ihn zur (Wieder-)Lektüre empfehlen: 

„Ich dachte, das Boot ist meine letzte Chance“

„Ich kannte die Statistiken, ich wusste um die Gefahr. Aber ich dachte, das Boot sei meine einzige Chance“, schreibt Ali Sandeed, im Libanon lebender syrischer Flüchtling aus dem palästinensischen Jarmuk-Camp in Damaskus. In seinem Kommentar zum aktuellen Flüchtlingsdrama im Mittelmeer schreibt er darüber, was es bedeutet, Flüchtling zu sein, was er sich von europäischen und andere Politikern wünscht, und warum Frieden die einzige langfristige Lösung ist. 

Von Ali Sandeed, syrischer Flüchtling und Projektleiter einer CARE-Partnerorganisation

Etwa vor einem Jahr wollte ich einen Schleuser bezahlen, um mit einem Boot nach Europa zu gelangen. Viele Menschen in Europa denken, dass wir Flüchtlinge nicht wissen, dass die Überfahrt tödlich sein kann, dass wir die entsetzlichen Bilder von Leichen im Mittelmeer nicht gesehen haben, dass wir nicht wissen, dass tausende Menschen auf dem Meeresgrund vor den Pforten Europas begraben liegen. Aber ich verfolge die Nachrichten, und ich hatte auch gesehen, dass mehr als 500 Menschen im Oktober 2013 vor der italienischen Insel Lampedusa starben. Ich kannte die Statistiken, ich wusste um die Gefahr. Ich hatte sogar Freunde verloren, die zu den „Flüchtlingen ohne Gesicht und ohne Namen“ zählen, wie sie in den Medien genannt werden. Aber wie viele syrische Flüchtlinge, die – zusammen mit Eritreern – über die Hälfte der Bootsflüchtlinge im Jahr 2014 ausmachten, dachte ich, dies sei meine einzige Chance.

Ich bin syrischer Flüchtling aus dem palästinensischen Al Yarmouk Camp in Damaskus. Als ich noch ein Kind war, erzählte meine Großmutter mir, wie sie 1948 aus ihrer Heimat in Palästina nach Syrien fliehen musste. Sie hoffte inständig, dass ihre Kinder und Enkel niemals erleben müssen, wie es sich anfühlt, ein Flüchtling zu sein. Aber es kam leider anders. Ich wurde als palästinensischer Flüchtling geboren, und vor etwa drei Jahren wurde ich zum zweiten Mal Flüchtling. Meine Familie und ich mussten vor dem Krieg in Syrien in den Libanon fliehen. Unser Zuhause war zur Kampfzone geworden. Ich bin immer noch in Kontakt mit Freunden und Familienangehörigen, die das Yarmouk Camp nicht verlassen konnten. Manche sind bereits verhungert, andere sind gestorben, weil sie keinen Zugang zu Medikamenten oder medizinischer Versorgung hatten. Es ist eine grausame Absurdität. Sie haben manchmal Internet, aber sie haben nichts zum Essen.

Meine Freunde und Familie kennen mich als einen unverbesserlichen Optimisten. Ich liebe das Leben, ich liebe Menschen. Ich arbeitete auf Zypern, als der Krieg in Syrien ausbrauch. Selbst, als ich deswegen nicht nach Hause zurückkehren konnte, war Aufgeben das Letzte, an das ich dachte. Im Libanon begann ich, anderen Flüchtlingen zu helfen. Sie brauchten mich, und ihr Lächeln und Dank waren mein Antrieb. Jeden Morgen stand ich auf, um für DPNA, eine Partnerorganisation von CARE, als Freiwilliger zu arbeiten. Etwa vor einem Jahr hielt ich es jedoch nicht mehr aus, all das Leid der Flüchtlinge, der Syrer, der Palästinenser, der syrischen Palästinenser. Ihre Trauer, ihre zerstörten Hoffnungen und Träume nahmen mir die Luft zum Atmen. Und ich dachte auch an mein eigenes Leben, meine eigene Zukunft. Ich hatte die Hoffnung verloren. Vor dem Krieg in Syrien lag mein ganzes Leben vor mir, eine vielversprechende Zukunft. Aber dann, mit nur 27 Jahren, der plötzliche, erzwungene Stillstand meines vorherigen Lebens. Ich konnte nicht legal meine Profession ausführen. Ich hatte studiert, Geld, einen guten Job als Ingenieur. Plötzlich stand ich da, und hatte nichts mehr. Flüchtling zu sein bedeutet auch, dass Dir Deine Zukunft, Deine Träume weggenommen werden.

Ich bin nicht an Bord des Schlepperbootes gegangen. Nach langen Diskussionen mit meiner Familie, meinen Freunden, bin ich immer noch im Libanon und unterstütze Menschen, die wie ich fliehen mussten. Ich leite ein Projekt von CAREs Partnerorganisation, und bilde andere Freiwillige aus. Flüchtlinge brauchen dringend humanitäre Unterstützung. Die Flüchtlinge, mit denen ich täglich in Kontakt bin, waren Ingenieure wie ich selbst, manche waren Ärzte, Lehrer, Bauern oder Angestellte. Wir führten ein ganz normales Leben. Und obwohl wir Europa sehr schätzen, sehen wir den Kontinent nicht blind als „Himmel auf Erden“.

Wie ich, träumen die meisten Flüchtlinge davon, in ihre Heimat, zurück nach Syrien zu kehren. Aber wenn es keinen Frieden gibt, wenn die Nachbarländer wie Libanon mit mehr als vier Millionen Flüchtlingen weiterhin am Rande ihrer Kapazitäten sind, scheint Europa für manche die letzte Chance auf ein würdevolles Leben zu sein. Wir Menschen sind doch alle in dieser Hinsicht sehr ähnlich: Wir lieben unsere Freunde, unsere Familien, unser Zuhause. Das ist nichts, was man mal so eben aufgibt.

Ich gucke täglich die Nachrichten, ich verfolge die aktuellen Diskussionen nach den erneuten Flüchtlingskatastrophen der letzten Tage. Politiker sprechen über die Notwendigkeit, dass die EU ihre Rettungsmissionen wieder aufnimmt; dass syrische und andere Flüchtlinge bereits vor dem Antritt einer möglichen tödlichen Überfahrt Asyl beantragen können. Es berührt mich, dass so viele Menschen weltweit ihre Solidarität, ihr Mitgefühl bekunden. Dass es ihnen nicht egal ist, was mit uns passiert. Sie verstehen, dass ich mir nicht ausgesucht habe, als palästinensischer Syrer geboren zu werden, genauso wenig, wie Ihr Euch dafür entschieden habt, als Europäer zur Welt zu kommen. Ich wünsche meine Situation niemandem. Aber ich hoffe, dass wir diese Tragödien zum Anlass für Veränderung nehmen können. Es ist nur ein paar Generationen her, dass Europäer ähnliches Leid erfahren haben wie ich. Viele Menschen in Europa waren selbst Flüchtlinge, als sie jung waren. Sie waren der Anlass, der Grund für große völkerrechtliche Projekte wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Flüchtlingskonvention! Ich hoffe inständig, dass Menschen in Europa sich daran und an das Band der Menschlichkeit, das immer noch die stärkste Medizin gegen Verzweiflung und Machtlosigkeit ist, erinnern.

Aber mehr als alles andere hoffe ich, dass europäische und andere Politiker weltweit endlich wieder ernsthaft Friedensgespräche führen. Humanitäre Hilfe, eine andere Flüchtlingspolitik: Das ist alles wichtig. Aber letztendlich liegt die große Hoffnung eines jeden Flüchtlings darin, nicht mehr Flüchtling genannt werden zu müssen, und an den Ort zurückzukehren, den sie am meisten lieben: ihre Heimat. Frieden ist und bleibt die einzige langfristige Lösung.

(pm 22.04.2015)


Montag, 31. Oktober 2022

Begegnungen im Oktober 22 in Polen

Ein merkwürdiger Anblick: in einem Haus ziemlich in der Einsamkeit am Fluss San in Polen, an der Wand des Wohnzimmers Oktoberfest-Lebkuchenherzen mit entsprechender Aufschrift: „i mog di“ etc. Auf dem Weg von Zamość im Südosten Polens Richtung Warschau sind wir bei der Mutter von Christoph eingekehrt, ein kleiner Abstecher von der Autobahn. „Wie hat Gott dich denn in dieser einsamen Gegend gefunden?“, scherzte Christophs Provinzial, als er zum ersten Mal bei ihm zu Hause war. Die Mutter hat – es ist mitten am Vormittag – ein komplettes Mittagessen vorbereitet. Ich beschränke mich auf ein Stückchen Käsekuchen, Sernik, den Christophs Schwester Małgorzata wohl noch zu nächtlicher Stunde gebacken hatte. Und eben dort in der guten Stube die Lebkuchenherzen. Schon viele Jahre arbeitet Christophs Vater im Münchner Umland auf dem Bau. Zu Hause gab es keine Arbeit, die Mutter war bei den sechs Kindern daheim, so entschied sich der Vater zur Arbeit in Deutschland. Und freut sich, dass es jetzt nur noch zwei Jahre bis zur Rente sind.

Später in Swarzewo hatte mich schüchtern eine Frau auf Deutsch angesprochen: „Guten Tag“, und mir dann erzählt, dass sie in München als Reinigungskraft gearbeitet habe. „Eigentlich wollte ich nur für drei Monate hin, dann sind acht Jahre daraus geworden.“ Am Ende ihrer Zeit dort musste sie wegen eines Aneurysmas ins Krankenhaus und hatte jetzt vor kurzem wieder eine Kopfoperation.

Auch in Tschenstochau traf ich Menschen mit Deutschland-Bezug: „ich bin Betreuerin in Fürth“, sagte mir die eine. Und eine andere: „mein Sohn hat in Karlsruhe studiert und lebt und arbeitet jetzt auch dort“. Auf der Baustelle der Kostbar-Blut-Wallfahrtskirche daneben arbeitete ein Mann mit seinen beiden Söhnen, Dämmmaterial brachten sie an. Dieser Herr hörte sofort, woher ich bin und es stellte sich heraus, dass er schon in Dortmund und Düsseldorf gearbeitet hatte.

Renata in unserem Haus in der Nähe von Zamość grüßte mich am zweiten Tag mit „Guten Morgen“ und erzählte mir später, dass sie vor 20 Jahren fünfmal für je ein halbes Jahr in der Schweiz gewesen sei, in Oberriet. Und sie sprach es „Ob´rriat“ aus, mit Schweizer Akzent.

In der Gegend dort begegneten wir auch Christoph, der wiederum 16 Jahre in Frankreich auf dem Bau gearbeitet hatte und gerade wieder auf dem Weg dorthin war. Was bedeutet dieses Leben und Arbeiten für die Familien der Betroffenen? Christoph etwa hatte wohl eine Zeit ziemlich mit Alkohol Probleme, ist nach einer Art Bekehrung aber jetzt trocken. Seine ruhige, nachdenkliche Art hat mich beeindruckt.

Und neben dieser „Arbeitsmigration“ sind wir in Polen der viel schlimmeren, grausameren begegnet: aus der Ukraine geflüchteten Menschen. In unserem Haus bei Zamość plauderten wir eine knappe Stunde mit Tatiana und ihrem elfjährigen Sohn. Sie stammen ursprünglich aus dem Donbass, sind aber dann nach Kiew gezogen und von dort geflohen – der Mann bzw. Vater ist natürlich dortgeblieben. Ihre Muttersprache ist russisch, aber sie sind Ukrainer. Tatiana zeigte uns auf ihrem Handy aktuelle Fotos, Bombenabwürfe auf Kiew. Und lud uns ein, sie nach dem Krieg dort zu besuchen. Zamość ist ja gar nicht weit von der Grenze zur Ukraine entfernt, zu Beginn des Krieges kamen im wörtlichen Sinn Tag und Nacht Flüchtlinge an und die Mitbrüder öffneten die Türen und versuchten zu helfen.

In unserem Haus in Tschenstochau lebt weiterhin eine kleine Gruppe von aus der Ukraine geflohenen Menschen. Gerade beim Blick auf die Kinder tat es mir im Herzen weh. Wie andere Kinder auch freuten sich die Kleinen am von den Bäumen gefallenen Laub und spielten damit. Von den Erwachsenen sind wohl auch Leute dabei, die an der Uni doziert haben. Eine Professorin gibt Online-Unterricht. Andere haben inzwischen in Tschenstochau Arbeit gefunden und fangen an, ihr Leben selbst zu regeln zu versuchen. Soweit ich verstanden habe, gab es für die ersten vier Monate (ab Ankunftstag) eine staatliche Unterstützung von 120 Zloty (ca. € 25.-) pro Person. „Aber wir hätten das auch so gemacht“, sagte Daniel, der Provinzial. Und jetzt läuft diese Unterstützung auch aus.