Dienstag, 15. November 2011

Und wo ist Ihr Nest?


Bei einem Empfang fragt mich die Frau eines Diakons, wo ich zu Hause sei. Ich erkläre ihr, dass mein Wohnsitz in Traunstein ist, aber ich nicht sehr oft dort bin. „Ja, aber, wo ist denn Ihr Nest?“ hakt sie nach. Die Frage geht mit mir mit. Wo ist mein „Nest“? Brauche ich eines, will ich eines? Klar fällt mir die Aussage Jesu ein: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Lk 9,58). Aber weder der Frau gegenüber noch mir selbst antworte ich vorschnell mit diesem Bibelvers. Irgendwo daheim sein, dazu gehören, das möchte ich schon...

Und zurück blickend sehe ich, dass ich immer Wert darauf gelegt habe, in Gemeinschaft zu leben. Nicht nur, weil ich das „brauche“, sondern weil ich auch die Sorge hätte, allein lebend „komisch“ zu werden, von anderen unbemerkt und unkontrolliert irgendwelche sonderbaren Eigenheiten anzunehmen, eigenbrötlerisch zu werden. „Nest“ ist das freilich noch keines...
Wobei sich wohl das Missionshaus im Sinn des hl. Kaspar, des Gründers der Missionare vom Kostbaren Blut, zu denen ich gehöre, schlecht mit dem Wort „Nest“ beschreiben ließe, denn das Konzept ist eher anspruchsvoll. Da geht es nicht um den Rückzugsort zum Wohlfühlen. Er ist auch mehr als Absteige. Missionshaus steht im Dienst der Mission und die hört nicht auf, hat keine Pause, wenn einer eine Zeit dort verbringt, sie hat lediglich eine andere Form. Wobei wir Missionare wohl den Ideen unseres Gründers immer nach hinken und ihnen oft genug nicht gerecht werden.

Wenige Wochen später fahre ich zur Vorabendmesse in eine Gemeinde und treffe vor der Kirche noch den Pfarrer, der um Aushilfe gebeten hatte. Er ist eben dabei, weg zu fahren. Wir plaudern ein wenig miteinander, er erklärt mir, wieso er selbst die Messe nicht halten kann. Und im Gespräch bekomme ich mit, dass er für vier Pfarreien zuständig ist. „Vier ein Viertel oder drei Viertel“ scherzt er, da ist noch irgendein kleiner Wallfahrtsort dabei.
Vom vergangenen Wochenende erzählt er mir noch, an dem auch jemand bei ihm ausgeholfen hatte, weil er neben den normalen Gottesdiensten am Wochenende noch vier Taufen und zwei Hochzeiten hatte, natürlich auch wieder verteilt auf seine vier Gemeinden.

Mir kommt wieder die Frage nach dem „Nest“ in den Sinn. Wo mag er „zu Hause“ sein, dieser Pfarrer? Von einem Mitbruder weiß ich, dass er scherzhaft sagt: „hinter dem Lenkrad ist mein Kloster“.

Bisweilen führt die „Nestsuche“ auch zu „Kuckucks-Existenzen“: Menschen richten sich im fremden Nest ein, fühlen sich dort wohler als zu Hause. Was klarerweise zu allerhand Spannungen führen kann.
Und mancher lässt sich dabei wohl auch von einem Nest anlocken, welches ihm scheinbar Geborgenheit vorgaukelt und tatsächlich Freiheit nimmt. Vorschnelles Verurteilen ist wenig hilfreich – eher geht es darum, Hinter- und Beweggründe zu verstehen.
Wieso sucht der Mitbrüder die Nähe und Gemeinschaft von bestimmten Menschen? Hat das nur mit seiner Persönlichkeitsstruktur zu tun, wo eventuell Defizite vorhanden sind? Oder gibt es da auch tatsächlich berechtigte Ansprüche und er hält mir, uns einen Spiegel vor, weil wir das nicht miteinander leben, wozu wir gerufen sind?
Skeptisch werde ich, wenn jemand sich allzu sehr im „Nest Kirche“ einzurichten versucht, ohne den Blick und das Herz offen zu haben für Menschen, die sich mit kirchlicher Binnensprache und Glaubensvorstellungen zunächst einmal schwer tun. Derartigen „Nesthockern“ wünsche ich, dass jemand sie aus dem Nest stößt und zum Fliegen zwingt, bei dabei eventuell vorkommenden Bruchlandungen ermutigt, nicht aufzugeben, und die Lust auf den Flug aufrecht und lebendig hält.

Montag, 31. Oktober 2011

Baumgärtle, Berufung und Bodenschätze

Die letzte Woche meines Aufenthaltes in Baumgärtle beginnt. Trotz einiger Dienste hatte ich Zeit zu spazieren, bzw. ich verband beides und ging z.B. zur Abendmesse nach Bedernau zu Fuß. Immer wieder stieß ich dabei auf seltsame Kabel, egal in welche Richtung ich marschierte. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer orange Kabel da um Baumgärtle herum verlegt sind bzw. waren. Warum?

Es wird Öl bzw. Gas gesucht! Schon vor mehr als 20 Jahren ist hier in der Gegend Erdöl gefördert worden. Als sich das Verhältnis von Förderungskosten und Ölpreis nicht mehr rechnete ist die Sache damals abgebrochen, sind bestehende Fördereinrichtungen zurück gebaut worden. Die Zeiten ändern sich, Erdöl ist (wieder) kostbarer geworden. Und es wird wieder gesucht. Und zwar mit dem Vibroseismik – Verfahren. Die Kabel, die ich gesehen habe, verbinden Geophone, Mikrofone, die in die Erde hinein gesteckt werden. Dann fährt ein Vibrationsfahrzeug (Gewicht: 21 Tonnen) im Gelände herum, „erschüttert“ die Erde und die Geophone nehmen die von den Gesteinsschichten reflektierten Schwingungen auf und leiten sie an einen Messwagen weiter. Für die Experten entsteht dabei ein dreidimensionales Bild des Untergrundes, das offensichtlich Aufschlüsse über eventuelle Erdöl- bzw. Erdgasvorkommen ermöglichen soll. Wer sich noch näher interessiert, kann unter www.rheinpetroleum.de nachsehen.

Am 15.Oktober fand die Wallfahrt um geistliche Berufe des Päpstlichen Werks für geistliche Berufe in der Diözese Augsburg nach Baumgärtle statt. Von verschiedenen Seiten näherten sich Gruppen dem kleinen Wallfahrtsort. Ich begleitete ein paar Leute von Bedernau her. Wir gingen natürlich an besagten Kabeln vorbei und sogar an einer abgesperrten Fläche, wo schon einmal zur Probe gebohrt worden war. Dort blieb ich mit den Leuten stehen und las die für die Wallfahrt vorgesehene Bibelstelle aus dem Johannesevangelium, die Berufung der ersten Jünger (Joh 1,35-42). Jesus stellt den beiden, die ihm nachgehen, die Frage: „Was sucht ihr?“ (In der Einheitsübersetzung „was wollt ihr?“) Das ist nach dem Johannesevangelium das erste Wort im Mund Jesu überhaupt. Jesus stellt dem Menschen eine Frage, er fragt ihn, was er sucht. Jesus ist daran interessiert, was der Mensch will.

Auch im Matthäusevangelium lesen wir zwei Gleichnisse vom Suchen: den im Acker verborgenen Schatz und die kostbare Perle (Mt 13,44-46). Und Psalmenbeterinnen und -beter beten immer wieder: „Gott, mein Gott, dich suche ich“ (Ps 63,1).

Am Ölbohrfeld wurde etwas deutlich davon, dass der Erfolg des Findens mit der Klarheit des Gesuchten zusammen hängt. Wie soll ich etwas finden, wenn ich gar nicht weiß, wonach ich suche?
Welche Suchmethoden sollte ich anwenden? Die Sache wäre ziemlich aussichts- und vermutlich auch ergebnislos.

Um Baumgärtle herum, im Raum Mindelheim, geht es um fossile Brennstoffe, Energieträger. Suchen Menschen für ihr Leben nicht auch „Energie“? Dass da etwas in ihnen „brennt“? Ich wünsche denen auf der Suche nach Leben, dass sie empfindlich sind für die reflektierten Schwingungen. Die je nach Gesteinsart verschieden sind und Aufschluss darüber geben, wo eine Lagerstätte sein könnte und wo es sich zu bohren lohnt. Es ist also gut, den Boden unter den Füßen zu spüren und achtsam – „barfuß im Herzen“ - zu gehen...