Mittwoch, 31. Dezember 2025

Predigt am Fest der Hl. Familie 28.12.25 in St. Peter und Paul/Bad Driburg

Liebe Brüder und Schwestern,

meine Dienste an den Feiertagen geben mir Gelegenheit, nacheinander verschiedene Kirchengebäude des Pastoralverbundes Bad Driburg kennenzulernen. Ich freue mich darüber, schaue mich ein wenig in jedem Kirchenraum um und sehe dankbar, mit wie viel Aufmerksamkeit die Kirchen weihnachtlich geschmückt sind. Natürlich gehe ich auch in jeder Kirche zur Krippe. Und da gebe ich zu, bin ich dieser Tage in einer Kirche versucht worden. Darf ich denn die Krippenfiguren ein wenig drehen oder umstellen? Ich habe das natürlich nicht gemacht. Wo kämen wir denn hin, wenn jede und jeder die Krippe nach eigenem Gutdünken verändert? Und was, wenn noch jemand den Pater dabei erwischen würde, nicht auszudenken! Ich hoffe, inzwischen Eure und Ihre Neugier geweckt zu haben, was ich denn umgestellt oder anders gemacht hätte. Nun, ich hatte bei besagter Krippe den Eindruck, die Figuren von Maria und Josef und auch noch dem ein oder anderen Hirten schauen ja gar nicht auf das Kind in der Krippe. So wie sie geschnitzt oder modelliert sind, scheinen sie mir einen zielgerichteten Blick zu haben. Der geht jetzt aber im konkreten Fall irgendwohin, ins Leere, nicht auf das Kind. Ich saß da also noch einen Moment vor der Krippe, nachdem ich tapfer der Versuchung widerstanden hatte und kam ins Nachdenken. Vielleicht hat ja die Anordnung der Figuren auch etwas für sich und drückt eine Realität aus? Kann es sein, dass ich frommer Pater mit meiner Figuren-Umstell-Idee schlicht einem idealen Familienbild entsprochen hätte, welches gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat? Menschen wie mir, die irgendein kirchliches Amt bekleiden, wird ja schon einmal vorgeworfen, beim Thema Familie in Fettnäpfchen zu treten bzw. allzu blauäugig zu argumentieren. Müssen denn die Vater- und Mutter-Augen unbedingt auf das Kind gerichtet sein? Ich erzähle Ihnen dazu noch zwei weitere Geschichten an diesem Fest der hl. Familie. Die eine habe ich von Katrin Brockmöller, der Direktorin des Katholischen Bibelwerks. In einem Podcast hat sie davon erzählt, wie sie mit ihrem kleinen Neffen, der noch kaum sprechen konnte, die Weihnachtskrippe aufgebaut hat. Tante und Neffe hatten dabei unterschiedliche Vorstellungen. Während Frau Brockmöller das Kind ganz klassisch in die Krippe legte, wollte es der kleine Junge umdrehen, andere Blickrichtung. Irgendwann fragte die Tante den Neffen, wieso er das tue und dieser antwortete: „Baby muss Mama anschauen“. Entwaffnende Kinderlogik!

Wenn ich Katrin Brockmöller richtig verstanden habe, dann hat ihr diese Begebenheit auch eine Brücke zum Verständnis von Weihnachten gebaut. Gott schaut den Menschen an, darum geht es. Und da kann Familie schon wieder etwas mit Gott zu tun haben – ich hoffe, ich idealisiere Ihnen nicht zu sehr. Aber mir scheint, dass es kennzeichnend für Familien ist, dass Menschen sich dort zeigen können, wie sie sind, ohne sich verstellen zu müssen. Ein Familienmitglied bekommt von den anderen in der Familie oft auch dann noch An-sehen geschenkt, wenn es ihm von außerhalb verwehrt wird, aufgrund von Fehlverhalten irgendwelcher Art etwa. Nicht immer ist das so, aber doch oft...

Abschließend jetzt noch die zweite angekündigte Geschichte. In einem vatikanischen Büro hatte ich zu warten und richtete dabei meinen Blick auf ein Gemälde an der Wand, eine Darstellung der Mutter Gottes Maria mit Kind. Ich schaute genauer hin und musste schmunzeln. Denn die Maria da auf dem Bild hat zwar den Jesusknaben auf dem Schoß, und der hat sogar seine Händchen um ihren Hals gelegt, aber die Mutter liest ein Buch, welches sie in der Hand hält, zweifelsohne wird das die heilige Schrift sein. Jetzt fühlte ich mich vom Bild sanft in Frage gestellt und korrigiert, wenn ich schon manchmal innerlich die Nase rümpfte, wenn ich junge Mütter oder Väter sah, welche den Blick auf ihr Handy richten, während sie den Kinderwagen schieben oder ihr Kind auf dem Spielplatz auf der Schaukel oder der Rutsche sitzt. Mit der Maria, welche Jesus auf dem Schoß hat und dabei ins Buch blickt, scheinen sie in guter Gesellschaft zu sein.

Montag, 15. Dezember 2025

nie wieder... immer wieder...

Ende November konnte ich eine Woche in der Pfarrei unserer Mitbrüder in Dubrovnik verbringen. Eine der ersten Begegnungen war mit einer Frau, die mir mit erstickter Stimme erzählte, dass ihr Sohn Opfer des letzten Krieges, zu Beginn der 90er Jahre sei. Er war wohl einer der ersten, der hier ums Leben kam. Die Frau hatte sieben Jahre in Deutschland gelebt, schwärmte von diesem Land und wir konnten uns auf Deutsch unterhalten.

In den Nachrichten während dieser Tage war von den Friedensverhandlungen für die Ukraine die Rede, von dem von US-Präsident Trump vorgeschlagenen 28-Punkte-Plan, der dann in Genf und Abu Dhabi nachgebessert werden sollte.

An einem Tag organisierten mir die Mitbrüder eine Stadtführung in Dubrovniks historischem Altstadtkern mit Ivana, einer perfekt Deutsch sprechenden Frau. Sie war zehn Jahre alt bei Kriegsausbruch und flüchtete damals mit ihrer Familie nach Deutschland. Beeindruckt hörte ich dieser lebenslustig wirkenden Frau zu, wie sie neben der Stadtgeschichte auch ein wenig von ihrer persönlichen erzählte. Wie das war, als Kind in die Schule zu kommen, ohne die Sprache zu kennen, wie sie später in weiterführende Schulen wechselte und mit 18 Jahren nicht in die Heimat zurückwollte. Wobei der Flüchtlingsstatus der Familie gar nichts anderes zuließ. In Kroatien studierte sie dann Wirtschaft und wurde von einem Professor, der mitbekam, dass sie perfekt Deutsch sprach, auf die Möglichkeit des Berufes der Stadtführerin hingewiesen. Und heute arbeitet sie als eine von Dubrovniks 500 (!) haupt- und nebenberuflichen Stadtführer/inne/n. Ivana erzählte auch von einem beeindruckenden Kinofilm „260 days“, der aufgrund der Kriegserlebnisse eines Gleichaltrigen gedreht worden ist. Dieser Mann ruft trotz all des Schrecklichen, das er erleben musste, zur Versöhnung auf.

Im Internet lese ich weiter über die Friedensverhandlungen bzw. über Kriegswirren in anderen Ländern.

An einem weiteren Tag fahre ich mit den Mitbrüdern auf den Berg Srd, von dem aus man nicht nur eine phantastische Aussicht auf Dubrovnik hat, sondern wo es auch eine Festung gibt, welche für die Verteidigung der Stadt im letzten Krieg von entscheidender Bedeutung war. Die Stadtführerin Ivana bemerkte, dass die ursprüngliche Festungsanlage aus der Zeit Napoleons stammte und deswegen lange nicht so gern gesehen war, eher als Zeichen der Unterdrückung. Nachdem die Festung aber zuletzt der Stadtverteidigung gedient hatte, änderte sich die Meinung der Bevölkerung hinsichtlich der Festungsanlage. In dieser Festung gibt es ein Kriegsmuseum, in welchem Dokumente und Gegenstände aus dem Krieg der 90er-Jahre zu sehen sind. Natürlich gibt es auch eine Liste der Gefallenen.

Besonders im November wird hier der Toten des letzten Krieges gedacht und für sie gebetet.

Während ich aus Baumgärtle die Gedenktafeln für die Gefallenen und Vermissten der letzten beiden Weltkriege und auch des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 kenne, gibt es hier Gedenksteine für die Gefallenen des Krieges zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es macht beklommen.

Die Menschen hier bauten ihre Pfarrkirche sowohl nach dem zweiten Weltkrieg als auch nach dem letzten Krieg wieder auf, weil sie beide Male zerstört worden war.

Wie sehr gehen mir die zu Advent und Weihnachten gehörenden Verse des Propheten Jesaja nahe:

 

Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, / jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, / wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn… Fürst des Friedens. Seiner Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. (Jes 9,4-6)









Sonntag, 30. November 2025

Wer ist (die) Kirche?

„Papst Leo hat vor mehreren Hunderttausend Menschen die Messe gefeiert“. Derartige Formulierungen, wie sie auch in vatikanischen Medien vorkommen, erzeugen in mir regelmäßig ein gewisses Unbehagen. Feiert da einer vor anderen oder feiern sie miteinander? De facto mag ja die Formulierung sogar bisweilen stimmen. Wenn die Mitfeiernden als Zuschauer kommen, um den/die „VIP Papst“ zu sehen. Der Feier selbst entspricht das aber nicht. Denn wir feiern miteinander Eucharistie, wenn auch mit verschiedenen Rollen und Aufgaben.

Ähnlich kribbelig werde ich innerlich, wenn ein Zelebrant zu Beginn der Messe sagt: „die Kirche lädt uns heute ein, des heiligen XY zu gedenken“. Welche Kirche lädt da wen ein? Gehören die vermeintlich Eingeladenen denn nicht auch zur Kirche? Von wem werden sie also dann eingeladen?

Oder eine Fürbitte in der Sonntagsmesse am 5. Oktober: „La Chiesa ci aiuti a crescere nella fede e nell’incontro con il Signore…” (“Die Kirche helfe uns dabei, im Glauben und in der Begegnung mit dem Herrn zu wachsen…“). Welche Kirche hilft denn jetzt da wem?

Tatsächlich berührte mich auch der zweifelsohne gut gemeinte Satz von Papst Leo beim vergangenen Jubiläum des gottgeweihten Lebens im Rahmen des Heiligen Jahres merkwürdig, als er uns in der vatikanischen Audienzhalle versammelten Ordensleuten zurief: „Die Kirche braucht euch!“ Wiederum: welche Kirche braucht da wen? Wäre es nicht richtiger zu sagen: wir brauchen einander in der Kirche? Beim letzten Beispiel könnte man jetzt noch über die nicht immer ganz unproblematische Beziehung zwischen Hierarchie und Charismen nachdenken, aber das wäre noch einmal ein eigenes Thema.

Die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ hat gerade ihr 30-Jahr-Jubliäum gefeiert. Und bei allem Fragwürdigen machen diese Menschen ja tatsächlich auf etwas ganz Wichtiges aufmerksam.

Interessanterweise kann gerade eine „für Kirchens“ schwierigere Situation zu neuem Bewusstsein helfen. Wenn etwa Menschen vor Ort sich nicht damit abfinden, dass „ihr Kirchbau“ vor Ort geschlossen bzw. abgerissen werden soll. Wobei dann bisweilen kreative Lösungen entstehen (vgl. etwa St. Johann Baptist in Krefeld, vor kurzem auf katholisch.de beschrieben).

Nicht umsonst ist neben Kommunion und Mission Partizipation eines der drei Schlagworte der Synodalität. Niemand soll ausgeschlossen werden und sein, alle sollen gehört werden, sich zu Wort melden können. Ich bin sehr dankbar für alles, was in den vergangenen paar Jahren da angestoßen wurde und jetzt an verschiedenen Stellen umgesetzt zu werden beginnt.

Ich selbst konzelebriere in der Eucharistiefeier mit wenigen Ausnahmen nicht mehr, obwohl ich dadurch manchmal auch Unverständnis oder Missfallen ernte. Zugegebenermaßen hat mich das Beispiel anderer dazu ermutigt, allein wäre ich vielleicht nicht auf diese Idee gekommen. Aber ich bin gerne mit anderen Getauften zusammen ein „normaler“ Mitfeiernder, wenn ein anderer Priester die Vorsteherrolle übernimmt. Wobei ich gerne „aushelfe“, wenn mich getaufte Brüder und Schwestern um den Vorsteherdienst bitten, weil es z.B. sonst bei ihnen keine Sonntagsmesse gäbe. In Rom kam das in dieser Form nicht vor und jetzt muss ich mich im deutschen Sprachraum neu orientieren. Gemeinsam mit den getauften Brüdern und Schwestern…

 

Samstag, 15. November 2025

Kurseelsorge

Wieder bin ich im Urlaub „Kurseelsorger“. Tatsächlich ist es vor allem Urlaub, denn meine Verpflichtung besteht in der täglichen Messe von Montag bis Samstag und der Bereitschaft, auf Anfrage für Gespräche zur Verfügung zu stehen.

Im Kurhotel gibt es eine relativ große Kapelle, lange Zeit waren Ordensschwestern in diesem Haus. Hier versammelt sich also abends eine überschaubare Zahl an Menschen zur Eucharistiefeier. Außer den Kurgästen kommt der eine oder die andere aus dem Ort bzw. umliegenden Gemeinden. Wie erlebe ich diese Liturgie und meinen Dienst?

Die Ausgangslage ist nicht einfach, denn wir kennen uns nicht: die Mitfeiernden mich und ich sie und auch die Mitfeiernden untereinander. Tatsächlich sind die wenigen Leute, im Normalfall weniger als zehn, weit verstreut in der Kapelle. Wenn ich regelmäßig in einer Gemeinde zur Werktagsmesse war, dann habe ich schon einmal die Mitfeiernden eingeladen, weiter nach vorne (und damit auch näher zueinander) zu kommen. („Heute ist der P. Alois da, wir müssen nach vorne!“, so hörte ich einmal eine Frau. An die ich mich gerne erinnere, weil sie auch sonst gerade heraus war.) Hier im Kurhotel, als Gast unter Gästen, bin ich aber vorsichtig. Mir scheinen die Voraussetzungen nicht gegeben, obwohl ich andererseits auch nicht glücklich bin.

In einer Werktagsmesse fiel mir ein Mann auf, ich hatte ihn vorher bereits im Speisesaal des Kurhotels gesehen, der sich in die allerletzte Bank setzte. Ein Mann mit großen Händen, die von schwerer Arbeit zeugen. Und ich dachte mir: vermutlich sitzt er auch in der heimatlichen Pfarrkirche ganz hinten, das ist sein Platz. Ich werde kein „Umerziehungsprogramm“ starten.

Ich nehme mir allerdings die Freiheit, zu den Fürbitten einzuladen. Immer weniger mag ich die Fürbittenvorlagen und ermutige die Menschen, ihre eigenen Anliegen auszusprechen, damit wir das Gebet auch miteinander teilen. Ein schwieriges Unterfangen. Die Mesnerin hat sich getraut, sonst niemand. Also formuliere ich ein paar Bitten.

Im gut besetzten Speisesaal sitzend überlege ich mir, ob ich etwa von Tisch zu Tisch gehen und die Menschen zur Eucharistie einladen sollte. Vielleicht würde das der ein oder andere Kollege so tun. Mir entspricht das nicht, es käme mir übergriffig vor. Auf der Straße kann mir jemand zumindest ausweichen, hier müsste er entweder vom Essen aufstehen oder mich weiterschicken.

Die Kapelle ist in gewisser Weise eine „andere Welt“ im Kurhotel und man merkt es auch an der Raumtemperatur. Während es im Hotel überall angenehm temperiert bis warm ist, immer wieder sehe ich Menschen im T-Shirt spazieren, ist die Kapelle kalt, man sollte gut angezogen sein. Damit ist Kirche wie an anderen Orten ähnlich nicht sehr „konkurrenzfähig“. 

Auf dem Weg zum hauseigenen Hallenbad sah ich heute eine junge Frau, sie wartete wohl auf ihre Massage, die ins Lesen des Gotteslob vertieft war. Wer weiß, was in den Menschen alles geschieht. Ich muss nicht alles machen…

Freitag, 31. Oktober 2025

Schwarz und Weiß

Im letzten Post hatte ich von einem Familiengottesdienst berichtet. Heute komme ich noch einmal auf diesen zurück und zwar auf die Predigt. Ich fand sie insgesamt gut, es gelang dem Prediger, die Kinder nicht nur anzusprechen, sondern sogar ein wenig mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dazu half nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch eine PowerPoint-Präsentation, die auch gemalte Bilder und Fotos enthielt. Zu sehen auf der im vergangenen Post erwähnten Leinwand, auf die auch die Liedtexte projiziert wurden.

Irgendwann gegen Ende der Predigt kam eine Geschichte vor, der Predigende meinte, diese von Papst Franziskus gehört zu haben. Die Geschichte von den beiden Wölfen, die beide im Menschen wohnen, der gute weiße und der böse schwarze. Welcher wird sich durchsetzen? Derjenige, den du fütterst. Soweit die „Moral von der Geschichte“.

Als Illustration war das Foto eines Wolfsgesichtes eingeblendet, eine Hälfte weiß, eine schwarz. Und der Predigende ließ sich von den Kindern bestätigen, dass der weiße der gute und der schwarze der böse Wolf sei. Mir war gar nicht wohl dabei, ich wusste nicht, ob ich mich verkriechen oder laut hinausrufen sollte, denn ich hatte unter den Ministrant/inn/en auch ein dunkelhäutiges Mädchen wahrgenommen. Und war in gewisser Weise sensibilisiert.

Denn in der Gemeinde in Klagenfurt, in welcher ich meine erste Stelle als Priester antrat, gab es drei dunkelhäutige Kinder, Geschwister, an zwei Namen erinnere ich mich noch: Nanatschan und Essihol. Deren Mutter hatte – soweit ich mich erinnere – im Entwicklungsdienst in Ghana gearbeitet und dort einen Ghanesen geheiratet. Später ging die Ehe auseinander, wobei jedoch auch der Vater der Kinder in Klagenfurt lebte.

In der Kirche der Klagenfurter Pfarrei wiederum gibt es eine figürliche Darstellung des Erzengels Michael, welcher das Böse bekämpft. Das Böse ist eine Gestalt zu Füßen des Erzengels, auf welche dieser tritt. Und das Gesicht dieser Gestalt ist schwarz. Eines Tages fragte mich eines der vorhin erwähnten Kinder traurig-genervt, wieso denn das Böse immer schwarz dargestellt werde. Die Erinnerung ist mir geblieben und sie wurde tatsächlich im vor kurzem mitgefeierten Familiengottesdienst wieder wach. 

Deswegen bin ich auch sehr vorsichtig bezüglich anderer Fragen und Themen in diesem Zusammenhang. Als Kinder kannten wir nur „Mohrenköpfe“, weiter nördlich „Negerküsse“ genannt. Und bis heute muss ich mir deswegen in Erinnerung rufen, dass dieses Produkt jetzt unter „Schwedenbomben“ firmiert.

Auch war ich wenigstens einmal beim Sternsingen zu Beginn des neuen Jahres „der Mohr“, ließ mein Gesicht schwarz schminken und abends abschminken. Wenn ich daran denke, meine ich immer noch das Brennen des Seifenwassers in den Augen zu spüren. Je nach Jahrgang und Zusammensetzung der Gruppe wollten entweder alle „der Schwarze“ sein oder niemand. Inhaltlich wurde diese Praxis nicht in Frage gestellt. Heute rät das Kindermissionswerk von der Praxis des „blackfacing“ ab, was nicht nur mit dem oben genannten Grund (Gut und Böse) zu tun hat.

Von umbenannten „Mohrenstraßen“ haben Sie vielleicht selbst schon gelesen oder gehört.

Und das Ganze gibt es auch „umgekehrt“. In Tansania setzen sich christliche Missionarinnen und Missionare für den Schutz von „Albinos“ ein, Menschen, deren Haut durch fehlende Pigmente nicht dunkel ist wie diejenige der anderen Einheimischen. Schnell werden sie dann mit dem Bösen in Verbindung gebracht und gejagt.

Mittwoch, 15. Oktober 2025

Familiengottesdienst

Nach langer Zeit war ich wieder einmal in einem Familiengottesdienst – und habe das „Treiben“ genossen. In der nahe liegenden Jesuitenpfarrei San Saba war an diesem Sonntag der Beginn des „catechismo“ (Erstkommunionvorbereitung) und so waren viele Kinder da. Einige von diesen sind wohl kurzfristig unter die Ministranten aufgenommen worden. Anhand zweier älterer, erfahrener Kollegen fanden sie ihre Wege, nicht immer ganz direkt, aber doch... Wobei sie ähnlich wie die Kinder in den Bänken sichtlich gut ohne „Kirchenknigge“ auskamen. Von wegen „frommes Schreiten“, sondern eben auch einmal im Laufschritt durch die Kirche. Oder die Arme strecken und sich räkeln, vielleicht dadurch den letzten Schlaf vertreibend. Und zwischendurch winkte ein Kind aus dem Altarraum auch der Mama/Oma oder dem Papa/Opa in der Kirchenbank zu.

Eine Ordensschwester schritt an den in den Kirchenbänken sitzenden Kindern auf und ab und wandte sich hin und wieder mahnend einem der Kinder zu. Früher gab es so etwas wohl regelmäßig, heute schien es mir fast wie ein aus der Zeit gefallenes Bild. 

Die kleinen Ministrant/inn/en durften dann auch die Fürbitten lesen. Was mehr oder weniger gut gelang. Geduldig warteten die Mitfeiernden, bis die Kinder die Bitten ausgesprochen hatten. Gefühlsmäßig hatte das nicht allein mit Leseschwäche zu tun, sondern auch mit den verwendeten Wörtern. So ist etwa „monaci“ (Mönche) ja kein schwieriges Wort, aber vermutlich war es das erste Mal, dass es dem lesenden Kind unterkam und wahrscheinlich konnte es einfach nichts damit verbinden. 

Eine kleine Gruppe junger Erwachsener bildete einen kleinen Chor, begleitet von einem sehr guten Gitarristen. Die Texte der Lieder (schönes neues geistliches Liedgut) wurden über einen Beamer auf eine vorn im Altarraum aufgestellte Leinwand projiziert. Dafür zuständig war ebenfalls ein Kind, vielleicht zwei Jahre älter als die Kommunionkinder. Der Junge hatte zwischendurch technische Schwierigkeiten, die Folien auf dem Bildschirm bzw. der Leinwand wechselten zu schnell, wodurch das Mitsingen teilweise „ausgehebelt“ wurde. Schnell kam ein Herr zu Hilfe und die Sache verlief wohltuend unaufgeregt.

Neben mir in die Bank hatten sich eine Mutter mit ihrer etwa 12-13jährigen Tochter gesetzt, ich hörte sie Englisch miteinander reden. Als der Zelebrant die Mitfeiernden beim Vater-unser die Mitfeiernden einlud, sich beim Gebet die Hände zu reichen, streckte das Mädchen sehr schüchtern und ohne mich dabei anzusehen ihre Hand in meine Richtung. Welche ich dann sehr behutsam, innerlich schmunzelnd, in meine Hand nahm. 

Am Ende der Messe gab es eine ganze Reihe Hinweise, Verlautbarungen. Und zwar nicht nur vom Pfarrer. Denn nach diesem wies eine Frau auf die Aktivitäten des Zentrums für Ignatianische Spiritualität hin und lud dazu ein. Und nach folgte eine weitere Einladung, diesmal von einer Jugendlichen, zu einem Jugendtreffen, ebenfalls ignatianisch geprägt. 

Die Messe hatte mit fünf Minuten Verspätung begonnen und dauerte etwas über 60 Minuten, wobei dies für alle Teilnehmenden gut so zu passen schien.

Dienstag, 30. September 2025

Übersetzung

In den ersten drei Septemberwochen war die XXII. Generalversammlung der Missionare vom Kostbaren Blut. Diese ist die höchste Autorität in der Gemeinschaft und findet im Regelfall alle sechs Jahre statt, 2019 waren wir dazu in Polen, diesmal in Italien. Rund 40 Teilnehmende waren es, Missionare, einige Gäste und – eine Übersetzerin und ein Übersetzer.

Unter den vielen von den Teilnehmenden gesprochenen Sprachen gibt es zwei offizielle: Englisch und Spanisch. Mehr als zwei Jahrzehnte war Marcelo unser Übersetzer, ein in Spanien lebender Argentinier. Wir scherzten, dass er schon zu übersetzen beginnen kann, bevor ein Teilnehmer spricht, weil er sowohl die Missionare als auch deren Themen kennt. Seit mehr als einem Jahr ist Marcelo jedoch der Kommunikationsbeauftragte der weltweiten Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut. Da er in Madrid auch Übersetzer ausbildet, hat er uns zwei solche vermittelt. Zum einen Jorge, zum anderen Marua, die als Kind marokkanischer Eltern in Teneriffa zu Hause ist. Beide sind meiner Schätzung nach Mitte 20 Jahre. Diese beiden waren also diesmal fürs Übersetzen zuständig, Englisch-Spanisch und umgekehrt. Im Unterschied zu Marcelo, der einen religiösen Hintergrund hat, bezeichnen sich Jorge und Marua als ungläubig. Also in gewisser Weise eine spannende Ausgangsbedingung für das Übersetzen bei der Generalversammlung einer katholischen Ordensgemeinschaft. Sie nahmen zum Beispiel im Normalfall nicht an unseren Liturgiefeiern teil. An einem Ausflugstag, wir waren in San Felice di Giano, unserem Gründungsort in Umbrien, da saßen sie unter uns, und Jorge behielt in der Kirche seine Baseballkappe auf.

Bei den Mahlzeiten waren wir zusammen und natürlich wird davor gebetet. Eileen, welche für unsere Companions (die angeschlossenen Laien) in den USA zuständig ist, hatte die Aufgabe, Vorbetende für das Tischgebet zu suchen. Und sie fragte auch Jorge und Marua.

Höchst interessant! Die beiden sprachen natürlich kein Tischgebet, es war jeweils eine kurze Reflexion. An einem Tag klang aus den Worten Maruas die Dankbarkeit heraus, in dieser Gemeinschaft herzlich aufgenommen worden zu sein. Jorge nutzte die Gelegenheit, vor dem Essen diejenigen zu erwähnen, die sich mit Hilfsgütern auf Schiffen auf den Weg Richtung Gaza machen.

An einem Tag wurde ich Zeuge, wie Luigino, der Provinzial unserer Atlantischen Provinz (mit Sitz in Toronto/Kanada) Jorge fragte: „wie siehst Du uns?“ Und Jorge antwortete: „ich gebe zu, ich hatte schon ein wenig Bedenken. Und meine Freude warnten mich quasi vor: `Du wirst schon sehen, eine katholische Gemeinschaft, pass nur auf…!´ Aber ich finde, Ihr seid cool!“

Ich fand unsere gemeinsame Zeit sehr besonders. Zwar könnte ich mir vorstellen, dass einige die Nase rümpfen und die Qualifikation unserer Übersetzenden anfragen: hätte man da nicht kirchenintern, bei anderen Ordensgemeinschaften etwa, suchen können?

Auf der anderen Seite fanden Begegnungen zwischen Menschen bzw. Welten statt, die sich wohl sonst im Alltag nicht so ohne weiteres begegnet wären. Vielleicht also geschah da mehr an Übersetzung als nur die von einer Sprache in eine andere…

Montag, 15. September 2025

Beim Friseur in Rom

Allerhand habe ich schon mit bzw. bei Friseuren erlebt: irgendwo hoch im Norden, ich weiß nicht mehr ob Flensburg oder Kiel, war ich bei einem türkischen, der den Haaren im Ohr mit Feuer zu Leibe rückte. Ohne Vorwarnung war ich zunächst einmal erschrocken. Weniger jedoch, als vor vielen Jahren in Indien, wo der Haarschnitt mit einer Kopfmassage endete. Für mein Empfinden ziemlich ungestüm schob der Friseur meinen Kopf nach vorne und hinten, nach links und rechts, einmal hörte ich es dabei im Genick deutlich knacken und bekam es wirklich mit der Angst zu tun. Ich habe überlebt.

Für den Schwaben ist natürlich das finanzielle Argument mit ausschlaggebend. So war in Brasilien abgesehen vom frischen Schnitt der dafür bezahlte Preis von umgerechnet etwa drei Euro durchaus erfreulich. 

Hier will ich mich auf Friseurerlebnisse in den vergangenen römischen Jahren beschränken. Auf der Suche nach einem Figaro stieß ich zunächst auf Sergio und blieb ihm längere Zeit treu, sammelte sogar Stempel auf der berühmten Stammkundenkarte und bekam den elften Haarschnitt gratis.

Ein anderes Mal betrat ich den Salon von aus Bangladesch stammenden Friseuren, sieben Euro verlangte der junge Mann, der für mich in Rom bis dahin günstigste Preis, ich gab ihm acht.

Nicht weit weg von zu Hause ging ich eines Tages zu einem älteren italienischen Herrn, obwohl der Salon etwas „abgewohnt“ aussah. Er legte mit der Schere los und als ich ihn fragte, ob denn auch eine Maschine zum Einsatz käme, schien er fast beleidigt. Von wegen, hier wird nur mit der Schere gearbeitet. Immerhin sei er 83 Jahre (ich weiß nicht mehr die genaue Zahl, aber es war auf jeden Fall über 80) und schon Jahrzehnte im Geschäft. Nach Abschluss der „Behandlung“ kam ich mir etwas „zerrupft“ vor. Aber: Respekt vor diesem Engagement mit solch einem Alter! 

Vor einiger Zeit fiel mir ein wohl neu eröffneter Salon von Chinesen auf. Der weibliche Teil der Familie ist im Nagelstudio aktiv und die Männer schneiden nebenan Haare. Einige Male war ich jetzt dort – beim Friseur, nicht im Nagelstudio.

Mein letzter Friseurbesuch sollte deswegen auch wieder dorthin führen, aber unterwegs entdeckte ich noch ein anderes kleines Lädelchen und dachte mir: „ich riskiere es!“ „Cleopatra“ heißt der Salon und tatsächlich wird er von Ägyptern betrieben, wir mir auf Nachfrage bestätigt wurde. Ich war der einzige Kunde und nachdem mir der Meister einen Platz angeboten hatte, fragte er, ob er noch kurz eine Zigarette rauchen dürfe: „nur zwei Minuten!“. Was machst Du jetzt, wenn Du schon einmal dasitzt? Der Mann ging kurz vor die Tür und zündete sich seinen Glimmstängel an. Woanders hatte ich durchaus länger als zwei Minuten gewartet, bis ich an die Reihe kam. Für den Deutschen ist solch ein Verhalten natürlich ungewöhnlich. Aber nach kurzem musste ich über den Ausdruck der Souveränität dieser Arbeitsmoral lächeln. Vielleicht sollte ich das auch versuchen. „Erst mal Pause!“ Im kleinen Geschäft war orientalische Musik zu hören, ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Mein Friseur begann mitzusingen oder zu -summen und mir begann die Melodie dabei zu gefallen.

Obwohl der Meister – direkt an der Glastür des Geschäftes stehend – während des Haarschnitts auch das Geschehen auf Bürgersteig und Straße verfolgte und ab und zu einem Passanten zunickte, war ich mit dem Ergebnis zufrieden und würde wieder dorthin gehen.

Sonntag, 31. August 2025

Merlini und Marini

Giovanni Merlini führte einen Interessenten an der Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut zu seinem Zimmer im Missionshaus von Albano. (Nebenbei: das Gebäude von damals wurde gegen Ende des zweiten Weltkrieges von amerikanischen Streitkräften bombardiert, welche Italien von den Deutschen befreien wollten. Nach dem Krieg wurde ein neues, großes Haus errichtet). Im Stiegenhaus blieb Merlini vor einem Kreuz an der Wand stehen und verneigte sich. Der junge Interessent sagte ihm: „wer so etwas (wie dieses Kreuz) fabriziert, der gehört doch eingesperrt!“ Merlinis Antwort: „wenn derjenige es aber nicht besser gekonnt hat und es halt so gut als möglich gemacht hat?“ Wir wissen nicht, wie dieser Dialog weiter gegangen ist und was in Raffaele Marini, dem Interessenten vorgegangen sein mag, als er später erfuhr, dass sein Begleiter das Kreuz hergestellt hatte.

Für mich ist diese eine der schönsten Anekdoten aus dem Leben Merlinis, obwohl ich mich immer wieder frage, wie Raffaele Marini zu seinem Urteil gekommen sein mag. Denn jedes Mal, wenn ich einen Besuch in Albano mache und in dem kleinen Museum dort bin, fasziniert mich das Kreuz im Zentrum des Raumes. Es ist eines derer, die Merlini aus Pappmaché hergestellt hat und ich finde es höchst gelungen. Die Proportionen stimmen, es ist ausdrucksstark, es sieht fast wie geschnitzt aus. Das Besondere an diesem Kreuz: es ist „zusammenklappbar“. Also nicht nur die Kreuzesbalken, sondern auch der Corpus, die Arme des Gekreuzigten lassen sich zusammen legen und ließen sich ursprünglich einmal in eine Kiste packen, die zu den Volksmissionen mitgenommen wurde. Die Predigten während solcher Missionen fanden ja nicht immer in der Kirche, sondern manchmal auch unter freiem Himmel statt. Ein Podium bzw. eine Bühne wurde aufgebaut und darauf stellte sich der predigende Missionar, eben mit einem Kreuz bzw. unter dieses.

Das Geschehen der ersten Begegnung zwischen Merlini und Marini war jedoch kein Hindernis für die Aufnahme des letzteren als Laienbruder in die Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut. Und tatsächlich wurde Marini ein enger Mitarbeiter Merlinis.

Denn Giovanni Merlini betätigte sich nicht nur als Bildhauer, sondern auch als Architekt von Kirchen und Missionshäusern, die zum Teil heute noch stehen. In diesem Bereich hatte offenbar der Analphabet Raffaele Marini einige Fähigkeiten und Merlini vertraute ihm die Durchführung bzw. Beaufsichtigung mancher Arbeit an. 

Ein sympathisches Detail dieser geteilten Arbeit zweier Missionare, welches wiederum für die Qualität der Beziehung spricht ist die folgende Geschichte. Der Bischof von Spoleto bat Merlini um den Bau einer Marienkirche in der Nähe des Missionshaues von San Felice di Giano, unserem Gründungshaus. Merlini wollte zuerst nicht und meinte, das könnten andere besser, aber der Bischof ließ nicht locker. So willigte Merlini schließlich ein, wodurch natürlich andere Arbeiten liegen blieben. Der Laienbruder wies ihn darauf hin: „was kümmern Sie sich um die Gebäude anderer, anstatt um diejenigen unserer Gemeinschaft!“ Merlini habe, so Marini, ihm entgegnet: „ich habe mich ja nicht nach diesem Auftrag gedrängt, aber die Madonna selbst hat bestimmt, dass diese Kirche gebaut werden soll“. 

Einer, der die von Merlini als Architekt betreuten Bauten untersucht hat, macht drei „Bauprinzipien“ dabei fest:

Die Funktionalität: die Zimmereinteilung etwa musste praktisch sein, den konkreten Bedürfnissen entsprechen.

Die Symmetrie: es ging um eine harmonische Zuordnung der einzelnen Teile

Die Sparsamkeit: da wurden etwa die billigeren quadratischen Fenster gegenüber denjenigen mit geschwungenen Bögen bevorzugt.

Freitag, 15. August 2025

Merlini und der Wucher

Es heißt, er habe in der Nacht gebetet und studiert. Beim täglichen Arbeitsprogramm von Giovanni Merlini (1705-1873) ist das kaum anders vorstellbar. Ohne Zweifel war diese Gestalt für die Entwicklung der Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. An dieser Stelle soll es um ein Detail seines Wirkens gehen, welches gleichzeitig verschiedene Charakterzüge Merlinis sowie Dinge aus der Anfangszeit der Missionare vom Kostbaren Blut deutlich werden lässt. 

Die Missionare waren nicht nur zum persönlichen, sondern auch zum gemeinschaftlichen Studium angehalten. Schließlich ging es ja unter anderem um die „Erneuerung des Klerus“. Hierfür waren in den Missionshäusern Studienkonferenzen vorgesehen, bzw. von der ersten Regel ausdrücklich vorgeschrieben, bis hin zur Festlegung, an welchen Tagen Bibel, Dogmatik, Moral oder Liturgie thematisch behandelt werden sollten. Zur Teilnahme an diesen Studienkonferenzen konnten auch Priester von außerhalb eingeladen und zugelassen werden. Und – ebenso typisch für die Missionare – sie konnten auch ausfallen, wenn die Missionare für ihren apostolischen Dienst unterwegs und deswegen anderweitig beschäftigt waren. Obwohl sich Zeit, Gesellschaft und Kultur geändert haben, finde ich diesen Ansatz, sich miteinander dem ein oder anderen Thema (wissenschaftlich) zu widmen, reizvoll. 

Ein gewisser Marco Mastrofini (1768-1845), angesehener, wenn auch nicht unumstrittener Theologe in Rom, hatte ein Buch zur Thematik des Wuchers geschrieben, welches den Missionaren vom Kostbaren Blut offensichtlich aufgefallen, wenn nicht „aufgestoßen“ war. Der Gründer und Leiter der jungen Gemeinschaft, Gaspare del Bufalo, bat daraufhin seinen fähig(st)en Mitarbeiter Giovanni Merlini, eine Entgegnung zu schreiben. Und Merlini kam dieser Bitte – wohl in einigen Nachtschichten – nach. Auch dieses Detail finde ich bemerkenswert: da sucht nicht einer akademischen Ruhm, sondern Merlini entspricht einer Bitte seines Oberen. 

Wie geht er das Vorhaben an? Er nimmt das Buch Mastrofinis und fügt zu den einzelnen Abschnitten seine Bemerkungen und Kommentare in kursiver Schrift an. So wird das Buch dann auch gedruckt! Der Leser kann also den Gedankengang gut und genau nachvollziehen, er könnte Mastrofini „pur“ lesen, oder er setzt sich mit Merlinis Kritik auseinander. Welch ein Respekt vor dem anderen wird hier deutlich! Da arbeitet nicht jemand mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, sondern setzt sich wirklich mit dem Denken des anderen auseinander und lässt auch seine Leserschaft daran teilhaben. 

Ich gebe zu, dass ich erstens nicht das ganze Werk gelesen habe und zweitens auch in der Zusammenfassung nicht alles verstanden habe. Das mag sowohl an mangelnden Italienisch- als auch an unvollkommenen Kenntnissen der Moraltheologie liegen. 

Schmunzeln musste ich bei einem Detail, welches auch ein Licht auf das Ganze werfen mag. Mastrofini meint, wenn einer 100 Scudi (damalige Währung in Italien) raubt, dann muss er nach einem Jahr nicht nur die 100 Scudi zurückgeben, sondern auch eine Summe, die dem entspricht, was in einem Jahr mit 100 Scudi hätte erwirtschaftet werden können. Merlini hält dagegen und sagt, es seien nur die 100 Scudi zurückzugeben und eventuell natürlich der bei dem Einbruch entstandene Sachschaden wieder gut zu machen. Das, was eventuell hätte erwirtschaftet werden können, sei doch eine sehr hypothetische Größe und nicht er- und anrechenbar.

 

 

Donnerstag, 31. Juli 2025

Museo Manzú

Giacomo Manzú war mir von Salzburg her bekannt: er hat eines der dortigen Domportale geschaffen und auch einer seiner berühmten „Kardinäle“ ist außen am Dom zu sehen. Irgendwie hatte ich vom „Museo Giacomo Manzú“ in Ardea, unweit von Rom, erfahren und wollte gerne einmal dorthin. Da am Wochenende weniger Busse fahren, unternahm ich die Reise an einem Freitag im Juli. „An welcher Haltestelle muss ich denn aussteigen, wenn ich zum museo Manzú will?“, fragte ich den Busfahrer. „Setz dich hier vorn hin, damit ich dich nicht vergesse“, antwortete er. Bei einer Haltestelle am Ortseingang von Ardea sagte er: „hier ist es, aber von der nächsten Haltestelle aus ist es wohl näher zu Fuß“. Und dann ließ er mich direkt vor dem Museumseingang, zwischen den Haltestellen, aussteigen, weil er aufgrund des Verkehrs sowieso gerade stehen geblieben war. Nett!

Ich näherte mich dem großen weißen Gebäude und ein Herr hielt mir die Tür auf. Nanu, welch ein Empfang! Freundlich erklärte mir der Mann, es sah eigentlich egal, wo ich mit der Besichtigung begänne, es gäbe verschiedene Sektionen in den beiden Ausstellungssälen (links und rechts vom Eingang), die unabhängig voneinander angeschaut werden können.

So ging ich nach links und kam nach der Sektion „Theater“ gleich danach zur sakralen Kunst. Dort gibt es Entwürfe sowohl des Salzburger als auch eines Rotterdamer Kathedral-Tores. Auch für den römischen Petersdom hat Manzú ein Tor gemacht. Und ebenfalls im museo Manzú findet sich der ein oder andere Kardinal, neben allerhand, was an Papst Johannes XXIII. erinnert, sowohl als Plastik als auch als Bild. Papst und Künstler waren freundschaftlich verbunden.

Im anderen Saal dann verschiedene Bronzeskulpturen, mehrere davon „amanti“ genannt, eine Frau und ein Mann eng umschlungen. Oder eine Kinderfigur auf einem Stuhl sitzend, bzw. zwei Kinder (Manzús eigene) auf einer Art Leiterwagen ohne Geländer.

Ich war (und bin) beeindruckt vom Können des Künstlers. Ein Schwerpunkt seines Schaffens sind sicher die Bronzeskulpturen, aber er hat ebenso aus Ebenholz und Alabaster Figuren hergestellt. Und wie die Bilder im Museum zeigen, konnte er auch malen, und zwar in verschiedenen Techniken, da ist ein Ölbild neben einer Farbstiftzeichnung.

Ein weiterer kennzeichnender Zug seiner Kunst scheint mir zu sein, wie diese mit seinem Leben und seiner Zeit zu tun hat. Es gibt einige Bilder aus der zweiten Hälfte der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, auf denen der Gekreuzigte als Gehenkter, teilweise auch mit dem Kopf nach unten, an den Füßen aufgehängt, zu sehen ist – in aller Brutalität. Muss einen das zu dieser Zeit wundern?

Die 60er Jahre hingegen, in denen er mit seiner zweiten Frau Inge zusammenlebte, mit der zusammen er die beiden bereits erwähnten Kinder hatte, waren, wie er selbst sagt, eine glückliche Zeit für ihn. Das ist ebenfalls zu sehen.

Manches wirkt fast ein wenig verspielt. Da sind zum Beispiel zwei kleine Skulpturen „Schildkröte mit Schlange“, aber auch die „amanti“(Liebenden).

Verschiedene Büsten von mit ihm befreundeten Personen erinnern wiederum an antike römische Kunstwerke. Darunter übrigens eine Büste von Oskar Kokoschka, mit dem Manzú befreundet war und in der Salzburger Sommerakademie zusammenarbeitete. 

Wenn ich mich nicht täusche, dann war ich während rund 90 Minuten der einzige Museumsbesucher, wohingegen ich fünf Angestellte, drei Männer und zwei Frauen zählte. Das italienische Kulturministerium, welchem das Museum untersteht, lässt sich das Ganze offensichtlich etwas kosten. Wobei mir einer der Angestellten erklärte, das in naher Zukunft Eintritt verlangt werden würde. Ich sah bereits die Maschine mit dem Scanner, welcher den Code auf den Eintrittskarten ablesen wird. Ich durfte noch umsonst Manzús Kunst genießen und mich daran freuen. Abgesehen davon bemühten sich zwei der Angestellten darum, die Abfahrtszeit des Busses für die Rückfahrt nach Rom für mich heraus zu finden. Und einer meinte voller Mitleid: „Ich hoffe, Sie finden einen, mit dem Taxi würde es doch teuer“. Es gab einen Bus!

Dienstag, 15. Juli 2025

Genau hinschauen

Anlässlich eines ihm in Rom vor einem Monat verliehenen Preises hielt der deutsche Regisseur Wim Wenders eine Rede, in der er vor allem der Bedeutung von Wörtern auf den Grund zu gehen scheint. „Moving pictures“ – was steckt hinter bzw. in „moving“, was in „pictures”? Er greift dazu auf das Lateinische, woanders auch auf das Griechische zurück. Mir gefällt seine Rede ähnlich wie die beiden Filme, die ich von ihm kenne: „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“ und „Perfect days“. Diesen Filmen gingen andere voraus, die sehr bekannt wurden. Genau hinsehen: was der Regisseur in seiner Rede tut, das zeichnet auch sein filmisches Schaffen aus. 

Zu unserem Fest am 1. Juli (Hochfest des Kostbaren Blutes Jesu Christi) hatten wir Gäste im Haus. Mit zweien davon stand ich in unserem Hauseingang vor einem Holzrelief, welches P. Emanuele vor zwei Jahren aus Tansania mitgebracht hat. Wir haben das Relief, eine Weihnachts- bzw. Krippenszene, „vorübergehend“ auf einen Ständer im Eingangsbereich gestellt und bisher blieb es dort stehen. P. Angelo sah sich das Relief an und entdeckte, dass Josef seine Hand auf die Schulter Marias legt und dass das Jesuskind in der Krippe offensichtlich an seinem Daumen lutscht. Ich muss zugeben, dass mir beides noch nicht aufgefallen war. Schließlich fragte Angelo auch, aus welchem Holz das Relief geschnitzt sei. Der zweite Gast, mit dem wir dort standen, war P. Chesco aus Tansania. Er konnte uns sagen, dass es sich um Holz vom Mninga-, bzw. Muninga-Baum handelt. Natürlich suchten wir im Internet ein Foto dieses afrikanischen Baumes. Genau hinschauen!

 Tatsächlich gefallen mir im Normalfall auch Predigten, die genau hinschauen, die ein Detail aufgreifen, evtl. einer Kleinigkeit nachspüren oder irgendwie „an der Oberfläche kratzen“ und dadurch etwas tiefer gehen.

Und wie wohltuend sind Menschen, denen der Schatten auf dem Gesicht eines anderen auffällt und die sich vorsichtig nachzufragen trauen. Genau hinschauen! 

Mit Sr. Bakhita war ich beim Einkaufen. Zwar dauerte es etwas, aber gleichzeitig freute ich mich darüber, wie sie das ein oder andere in die Hand nahm und sehr genau anschaute, evtl. auch noch einmal das Kleingedruckte auf der Rückseite des Produktes las. Und auf dem Heimweg sagte sie mir, wie schwierig es zurzeit (und bei diesen Temperaturen!) sei, einigermaßen frischen Salat zu finden. Genau hinschauen! 

Benötigen wir diese Fähigkeit nicht in unseren Tagen in besonderer Weise? Wenn „alternative Wahrheiten“ und „fake news“ verbreitet werden. Mich schmerzt etwa, wenn kurz nach dem Tod von Papst Franziskus angebliche Informationen dazu benutzt werden, ihm Dinge zu unterstellen. Genau hinschauen!

Montag, 30. Juni 2025

Emotionale Intelligenz

Er trägt eine Smartwatch! Während manche eher auf die Art der Bekleidung achte(te)n, Papst Leo trug bei seinem ersten Auftritt die rote Mozzetta, im Gegensatz zu Papst Franziskus, der im schlichten Weiß auf der Benediktionsloggia erschienen war, fiel einigen das kleine Accessoire auf: die Smartwatch. Aha: technisch aufgeschlossen! Und einige der bisherigen Äußerungen von Papst Leo bestätigen das. Wobei er gleichzeitig die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz lobt und vor ihren Gefahren warnt. 

Am vergangenen Samstag kam mir das Thema wieder in den Sinn. Wir feierten die Messe am Gedenktag des Unbefleckten Herzen Mariens und der für diesen Anlass vorgesehene Evangeliumsabschnitt ist die Geschichte der Suche der Eltern des zwölfjährigen Jesus nach ihrem Kind und sein Wiederfinden im Tempel. Am Ende der Geschichte (Lk 2,41-51), eines durchaus mühsam-schmerzhaften Dialoges zwischen dem Jugendlichen und seinen Eltern, heißt es über Maria, die Mutter Jesu: „Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen“. Ähnlich steht es bereits vorher im selben Kapitel über Maria: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2,19). „Im Herzen bewahren“ ist anders als „auf der Festplatte oder in der Cloud speichern“. Wird es uns gelingen, die Möglichkeiten der Technik zu nutzen und gleichzeitig die Fähigkeit des „im Herzen Bewahrens“ zu entwickeln oder neu und besser zu entdecken? 

Neulich fand ich in einem Post von Johannes Hartl (https://www.herder.de/communio/kolumnen/hartl-aber-herzlich/daten-allein-bieten-keine-orientierung-die-wiederentdeckung-der-weisheit/) ein Zitat von T. S. Eliot aus dem Jahr 1934: "Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?"

Suchen wir Informationen, häufen wir Wissen an oder streben wir nach Weisheit? Im konkreten Lebensvollzug müssen sich diese Dinge ja gar nicht ausschließen. Gleichzeitig kann diese Frage aber doch Auswirkungen auf die Gestaltung unseres Lebens haben. In welchem Verhältnis etwa steht meine „Bildschirmzeit“ zur „Herzenszeit“? Was „speichere“ ich wo ab? 

Zu denken gibt mir auch ein Buch von Douglas Rushkoff, Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind. Die amerikanische Originalausgabe erschien 2022, in diesem Jahr nun die deutsche Übersetzung.

In der Sendung „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens hatte ich ein Gespräch mit Douglas Rushkoff gesehen und sowohl der Inhalt als auch seine Person interessierten mich, deswegen bin ich jetzt daran, sein Buch zu lesen. Immerhin zitiert der nach eigenen Aussagen nicht-religiöse Rushkoff darin auch „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus. 

Ich trage (noch?) keine Smartwatch. Und manches befremdet mich: der Mitbruder, der an meiner Tür vorbei geht und mir eine halbe Stunde eine WhatsApp schickt: „bin zurück“. Wieso hat er nicht geklopft und einen Sprung hereingeschaut? Oder die letzte Zugfahrt von Salzburg nach Rom. Als ich heimkam, hatte ich wenigstens vier Mails der Deutschen Bahn im Posteingang, die mich auf Verspätungen und Gleisänderungen hinwiesen. Wie wäre es, anstatt in diese tollen Informationen mehr in die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu investieren? 

Wobei mir das „im Herzen bewahren“ durchaus als Wunsch und Aufgabe vor Augen steht und bleibt…

Sonntag, 15. Juni 2025

Kirchenraum

Vor einem Monat habe ich mich mit „kirchlichen Gebäuden“ befasst, diesmal soll es um die „Kirchbauten“ (im Sinn von Sakralräumen) selbst gehen. Es ist heiß und in der ein oder anderen Stadt kann einem die Idee kommen, etwas Abkühlung in einem solchen Kirchenraum zu suchen. Nicht nur, weil gerade kein Schwimmbad in der Nähe ist. 

Mit Staunen habe ich verschiedene Äußerungen im Zusammenhang des umstrittenen Umbaus der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale gelesen. Die architektonische Umgestaltung fand und findet Befürworter und Gegner. Ich hoffe auf einen Berlin-Besuch und möchte dann den Raum auf mich wirken lassen. Der Eifer mancher Wortmeldung zur Umgestaltung der Kathedrale macht mich nachdenklich, eher im Sinn einer positiven Überraschung: Kirche und ihre Architektur haben nach wie vor eine Bedeutung für viele Menschen.

Was sich auch an Initiativen für den Erhalt von Kirchbauten zeigt, in welchen sich nicht nur „gläubige Kirchgänger“ engagieren. 

Wie muss oder soll sie denn aussehen, die „ideale Kirche“? Welche Möglichkeiten muss der Raum bieten? Mir scheint, auf diese Fragen gibt es nicht nur eine Antwort. Geschweige denn eine über längere Zeit hinweg gültige.

Immer noch angetan bin ich von der Idee eines Pfarrers einer westfälischen Stadt, der in seine Kirche ein großes Zelt, eine Jurte, hineinstellte, in dem er sich mit Jugendlichen trifft. Denen hat er damit eine Brücke gebaut, denn im klassischen Kirchenraum mit seinen unverrückbaren Bänken täten sich diese wohl eher schwer. Ich weiß nicht, wieviel Befremden, wenn nicht gar Widerstand die Idee des Pfarrers bei anderen ausgelöst hat.

Tatsächlich spüren wir unsere unterschiedlichen kulturellen Prägungen und Hintergründe nicht zuletzt im Empfinden eines Kirchenraums. Ich erinnere mich, wie ich Ordensfrauen einmal die für mich so faszinierende Kirche St. Moritz in Augsburg zeigte. Den Ordensfrauen war die Kirche viel zu leer, kahl und kalt. Ähnliches erlebte ich mit der Pfarrkirche in Salzburg-Parsch, dem für mich immer noch schönsten Kirchenraum, in welchem ich bisher Dienst tun durfte. Wobei das Besondere an dieser Kirche ist, dass sie verschiedene Möglichkeiten bietet. Während sich die einen unter dem Gewölbe der einen Seite geborgen fühlen, erscheint dies anderen eher als (be-)drückend und sie haben die Möglichkeit, auf der anderen Altarseite Platz zu nehmen, wo es viel Luft nach oben gibt. 

Unvergessen ist mir auch der Junge, dem entweder das Wort „Kapelle“ (im Sinn von kleinem Kirchenraum) fremd war oder der schlicht recht unbefangen gegenüber „Kirchlichem“ war. Bei Ferien für Jungen in einem unserer Missionshäuser fragte er, wann wir uns denn wieder im „Klavierzimmer“ treffen würden. Ich brauchte einen Moment, bis ich verstanden hatte, dass er von der Kapelle sprach, in der eine kleine elektronische Orgel stand…

 

 

 

 

 

 

Samstag, 31. Mai 2025

Tschenstochau

Die letzte Maiwoche verbrachte ich in Polen. Don Emanuele als Generalmoderator unserer Gemeinschaft befindet sich noch bis Mitte Juni zur Visitation unserer US-amerikanischen Provinz in den USA, so hat er mich gebeten, die Wahlversammlung der polnischen Mitbrüder am 26. und 27. Mai zu leiten.

Ich reiste am 24. nach Tschenstochau und ging gleich abends zum „Apel“, dem traditionellen Abendgebet, nach Jasna Góra. 1988 war ich zum ersten Mal dort und immer wieder berührt mich dieses Gebet. Ganz eng stehen die Menschen in der Kirche beieinander, wenn sie nicht zu den wenigeren gehören, die einen Platz in einer Kirchenbank gefunden haben. Interessanterweise schaffen es immer wieder einzelne, sich durch die eng stehenden Menschen noch weiter nach vorne zu drängen, was auch toleriert wird. 1988 erlebte ich den Ort und Anlass wie als „Raum der Freiheit“ in der kommunistisch geprägten Umwelt. Ähnlich wie Dietrich Bonhoeffer im Nazi-Gefängnis doch frei wirkte, so schien es mir hier eine kollektive Parallel-Erfahrung zu geben. Die Verhältnisse sind, wie sie eben sind, aber wir kommen hier zum Gebet bei der Mutter Gottes von Jasna Góra zusammen und das bestimmt uns letztlich und im Innersten.

Bei späteren Besuchen und auch jetzt wieder fragte ich mich bange und hoffnungsvoll gleichzeitig, ob dieses Freiheitsempfinden wie ehedem im Kommunismus jetzt auch im Kapitalismus trägt. Als ich am 27. abends noch einmal zum Apel ging, schien mir in den einleitenden Gedanken eines Priesters deutlich die Sorge angesichts der Präsidenten(stich)wahl am kommenden Sonntag und ihre möglichen Folgen, z.B. auf den schulischen Religionsunterricht, durchzuscheinen.

Gleichzeitig werden mir dabei auch unterschiedliche theologische Ansätze deutlich, wie sie sich z.B. bei der Weltsynode und nicht zuletzt bei der kontinentalen Synodalversammlung Europas in Prag gezeigt haben. Das Zusammenspiel von Kirche und Gesellschaft wird in den verschiedenen Ländern Europas sehr unterschiedlich gesehen. Und es ist zunächst einmal gut, sich dessen bewusst zu sein und in einem weiteren Schritt die „anderen“ zu verstehen zu versuchen.

Natürlich werde ich sehr gespannt den Ausgang der Präsidentenwahl in Polen verfolgen, zumal ich ja auf Schritt und Tritt, bzw. bei vielen Autokilometern den Wahlplakaten begegnet bin. Im Land schien mir die Sache nicht mehr ganz so einfach, wie ich zuvor gedacht hatte, ich gebe es zu.

Autokilometer: das hängt damit zusammen, dass ich Mariusz, einen wanderfreudigen polnischen Mitbruder gefragt hatte, ob wir nicht im Anschluss an die Wahlversammlung ein paar Tage gemeinsam wandern könnten. Er wollte mich stattdessen zum Kajak-Fahren überreden, aber dazu hatte ich nicht den Mut. So blieb es beim Wanderprojekt und wir fuhren von Tschenstochau aus in den Süden, an die tschechische Grenze, wo die Mitbrüder seit einigen Jahren eine Niederlassung haben und in einer Pfarrei tätig sind.

Das Wetter war uns in diesen Tagen nicht sehr gewogen. Am ersten Tag zogen wir los nach Czarna Góra und kamen ziemlich nass zurück. So dass wir uns am darauffolgenden Tag für Kultur entschieden und nach Kłodzko (früher Glatz) fuhren, wo es eine wunderschöne Altstadt mit einer beeindruckenden Festungsanlage zu sehen gibt. Auf der Rückfahrt besuchten wir noch die Goldmine in Złóty Stok (früher Reichenstein), ein Schaubergwerk, gemeinsam mit vielen anderen Menschen.

Am letzten Tag war noch einmal wandern angesagt, der śnieżnik, der Glatzer Schneeberg stand auf dem Programm. Zwar bekamen wir von der bei gutem Wetter wohl spektakulären Aussicht nichts mit, wir waren erneut in Wolken und Nieselregen, aber es war trotzdem schön.

 

Donnerstag, 15. Mai 2025

Päpste

„Warum schreiben Sie denn nichts zu dem, was sich momentan in Rom alles ereignet?“, so die Frage einer Leserin nach dem letzten Post.

Am Tag der Beerdigung von Papst Franziskus saß ich im Zug (Abfahrt in Rom um 10.00 Uhr, also exakt zur Zeit des Beginns der Beerdigungsmesse für Papst Franziskus), um in den Süden, nach Apulien, zu fahren. Leonardo, ein junger Mitbruder der italienischen Provinz der Missionare vom Kostbaren Blut hatte mich eingeladen, bei der Feier seiner Priesterweihe dabei zu sein. Keinen Moment dachte ich daran, mein Programm zu ändern, ich war mir sicher, dass der verstorbene Papst völlig einverstanden gewesen wäre. (Tatsächlich erzählte mir Leonardo von Kollegen, deren Bischof ihre Priesterweihe wegen des Papstbegräbnisses verschoben hatte…)

Ehrlich gesagt bin ich nicht unbedingt ein Freund von „Massenaufläufen“, auch Fußballstadien und Konzert-Arenen sind nicht „meine Welt“. Im Zusammenhang mit dem Papst, dem verstorbenen und dem soeben gewählten, stelle ich mir zusätzlich die ein oder andere Frage. Wir sind ja als Kirche – hoffentlich! – nicht ein „Verein von Papst-Fans“. Mit welchen Zahlen da operiert wird: einige betonten, dass jetzt nicht so viele Menschen in Rom waren wie damals, als Johannes Paul II. verstarb und beerdigt wurde. Die Zahl der akkreditierten Journalisten dagegen war wohl jetzt höher. Schon bei der Messe für den verstorbenen Papst Franziskus 4500, beim Konklave dann 5000. Klar leben wir im Zeitalter der (sozialen) Medien. Scheinbar beschäftigen sich Menschen auch damit, die Lautstärke des Beifalls bei Audienzen auf dem Petersplatz (in Dezibel!) zu messen und stellten fest, dass es seit Johannes Paul II. „leiser“ geworden ist. Wobei der Grund vermutlich im gestiegenen Handy-Gebrauch zu suchen ist: während früher Menschen die Hände noch zum Klatschen frei hatten, ist heute das Handy in der Hand, um Fotos zu machen. Na ja…

Bei den Bildern des Gratis-Konzerts von Lady Gaga an der Copacabana in Rio de Janeiro erinnerte ich mich an die Messe mit Papst Franziskus im Rahmen eines Weltjugendtages am selben Ort. Massen an Menschen! In Rom (und darüber hinaus) sagt man sehr nüchtern und lapidar: „morto un papa se ne fa un altro“ („ist ein Papst gestorben, dann wird eben ein neuer gewählt“), fast ein wenig wie „the show must go on!“. Meine Lieblingsautorin auf katholisch.de betonte am 5.5. die Notwendigkeit für jede/n Christen/in, selbst ein Gesicht der Kirche zu sein. Nicht nur der Papst…

Wobei ich durchaus ein Fan von Papst Franziskus war, bin und bleiben werde. Nach wie vor ist sein Foto (vor der Europa-Flagge) Bildschirmschoner auf meinem Laptop. Und ich erinnere mich daran, wie ich zu Pandemie-Zeiten, noch in Maria Baumgärtle, öfter am Morgen die Frühmesse aus Santa Marta eingeschaltet habe, um Franziskus Predigt zu hören. Danach musste ich ausschalten, um selbst zur Messe vor Ort zu gehen. Im Bücherregal steht ein Band mit Predigten von Jorge Mario Bergoglio aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires, in den ich regelmäßig hineinschaue. Besonders genossen habe ich stets die Aufzeichnungen der Begegnungen von Papst Franziskus mit seinen Mitbrüdern, den Jesuiten, für die er sich während seiner Reisen jeweils eigens Zeit nahm.

Als der soeben gewählte neue Papst Leo auf den Balkon trat, war ich nicht auf dem Petersplatz, sondern wie viele andere vor dem Bildschirm. Das lag daran, dass ich um 18.00 Uhr noch einen Webtalk mit Manfred Deselaers verfolgt hatte, der als Priester seit 30 Jahren in Auschwitz lebt. Immerhin war ja der 8. Mai, ein höchst passendes Datum für eine solche Veranstaltung. Als der Webtalk zu Ende ging, stellte ich fest, dass ich es wohl nicht mehr pünktlich auf den Petersplatz schaffen würde und setzte mich vor den Fernseher. „Wie wird der neue Papst grüßen? Buona sera, wie sein Vorgänger? Oder doch `Gelobt sei Jesus Christus´?“ Wunderbar dann sein Gruß: „der Friede sei mit Euch allen“. Da können alle zufrieden sein: der Gruß des Auferstandenen, der liturgische Gruß des Bischofs und ein Wunsch, gegen den wohl niemand etwas einwenden wird.

Am Sonntag bei der offiziellen Messe zur Amtseinführung des neuen Papstes möchte ich auf dem Petersplatz dabei sein…