Samstag, 15. August 2026

Lauretanische Litanei

Wie zitiert Wikipedia das Projekt „Deutsche WortSchätze“: „Umgangssprachlich wird das Wort „Litanei“ auch in abwertender Form für eine endlose Aufzählung oder ein eintöniges Gerede verwendet." Das ist ähnlich, als wenn wir es mit jemandem zu tun haben, der oder die „gebetsmühlenartig“ dasselbe wiederholt. Wieso also Litanei?

Abgesehen von der Kostbar-Blut-Litanei, die ich schon längere Zeit bete, habe ich mir seit kurzem auch die Lauretanische Litanei vorgenommen. Die Motive sind zum Teil ähnlich, dann aber auch verschieden. Verbindend ist – ganz banal - der „mnemotechnische“ Reiz: manche lernen ja Gedichte auswendig, ich eben eine Litanei. Die grauen Zellen wollen trainiert werden. Vielleicht hilft es gegen die Altersvergesslichkeit.

Im Fall der Kostbar-Blut-Litanei kam als Motiv der Wunsch hinzu, noch mehr hineinzuwachsen in das, was ich bin: eben Missionar vom Kostbaren Blut. Also nähere ich mich diesem Lebensentwurf (auch) auf dem Gebetsweg.

Die Lauretanische Litanei mag ich aufgrund verschiedener Assoziationen. Im Elternhaus meiner Mutter wurde sie wohl öfter gebetet. Ich erinnere mich, wie sie einmal erzählte, ihr jüngerer Bruder wollte als Kind gerne das Gebet „mit dem goldenen Haus“ beten. Klar, das muss die Phantasie eines Kindes beflügeln: „Du goldenes Haus – bitte für uns“. Vor meinem geistigen Auge sehe ich meine Großeltern mit ihren beiden Kindern, eben meiner Mutter und meinem Onkel, zusammen mit der im Haushalt lebenden Mutter meines Opas, in der Stube ihres Hauses in Schlesien bzw. später nach der Vertreibung im westfälischen Münsterland, um den Tisch sitzen und beten. Wir haben zu Hause nicht die Lauretanische Litanei, aber doch gemeinsam als Familie gebetet. Was sich für mich bis heute mit dem Gefühl von Geborgenheit in der Familie verbindet. Auch wenn der Theologe in mir die ein oder andere Formulierung in einem Gebet von damals kritisch hinterfragt, es tut der Erfahrung keinen Abbruch. Ich vermute, das ist durchaus öfter so im Gebetsleben von Menschen und ihrer kirchlichen Praxis. Da lässt sich gar nicht alles rational erklären und nachvollziehen, viel hat mit Emotion zu tun. Klar kann das auch zu Oberflächlichkeit führen, wenn nicht sogar gefährlich werden.

Als Missionar durfte ich einige Jahre gemeinsam mit P. Hugo zusammen leben, zu dessen täglichen Gebeten die Lauretanische Litanei gehörte, wie er mir einmal sagte. Auch wenn wir uns bezüglich unserer Frömmigkeitspraxis unterschieden und ich manchmal über den alten Mitbruder lächelte, er hat mich andererseits durch seine Art, sein Engagement, seinen Fleiß und seine Schlichtheit im guten Sinn sehr beeindruckt.

Was mir an der Lauretanischen Litanei auch gefällt ist, dass sie ein gewachsenes Gebet ist. Immer wieder einmal hat ein Papst eine Anrufung hinzugefügt, zuletzt tat das Papst Franziskus, der unter anderem „Du Hilfe (oder, je nach Übersetzung, Trost) der Migranten“ einfügte. Was da zunächst einmal nur „altertümlich“ oder „verstaubt“ klingen mag, hat mit gelebter Geschichte zu tun. Es verbindet mich mit Menschen durch Jahrhunderte hindurch und mit dem, was diesen in ihrer Zeit wichtig war und von Bedeutung schien.

Einige Jahre hindurch war ich Wallfahrtsseelsorger an einem Marienwallfahrtsort. Die Maiandachten waren dort sehr gefragt und besucht (und sind es bis heute). Tatsächlich achtete ich darauf, dass bei jeder Maiandacht die Lauretanische Litanei vorkommt. Vermutlich hatte mich auch eine „informelle Umfrage“ bei Mitfeiernden („Was gehört für Sie unbedingt zu einer Maiandacht?“) dazu motiviert.

Besonders gefällt mir schließlich ein Gedanke von Chiara Lubich, die mir wie wohl niemand anderer half und hilft, die Verbindung von Leben und Glauben zu entdecken. Einen ihrer bekanntesten Texte zu Maria schließt sie mit: „Sing (bzw. bete) die Litanei und versuche, dich in ihr widerzuspiegeln“.

Damit werde ich so schnell nicht fertig. Wenn auch ich „Ursache der Freude“ für andere, „Trost der Betrübten“ oder eben „Hilfe der Migranten“ sein will. Spätestens hier bleibt die Litanei nicht ein langweilig-eintöniger Wortschwall, sondern provoziert mich geradezu zu einem Leben mit der „großen Schwester im Glauben“ und anhand ihres Beispiels.

Freitag, 31. Juli 2026

Lob der Langsamkeit

Wenn ich mich recht erinnere, dann war es Rosa Ramos, die vor kurzem ein Loblied auf die Langsamkeit angestimmt hat, nachdem sie darauf hinwies, dass kaum noch alte Handarbeitstechniken wie Weben oder Sticken praktiziert werden, ja Menschen sich oft genug auch nicht mehr die Zeit zum Kochen nehmen. Es muss schnell gehen!

Wahrscheinlich wird der eine oder die andere Rosa Ramos widersprechen und auf die vielen Kochshows im Fernsehen hinweisen. Und trotz der elektronischen Küchenhelfer (oder gerade wegen dieser) gibt es viele Leute, die Freude am Kochen haben.

Eckhard Bieger meinte, dass vielleicht in Zukunft die Baumärkte viel zu tun bekommen, wenn Leute in einer roboterisierten Welt anfangen, wenigstens ihre Möbel selbst bauen zu wollen.

Nachdem ich weder kochen kann noch handwerklich begabt bin, frage ich mich, wie ich mit der Zeit und der Langsamkeit umgehe.

Ich genieße das Gehen. Schon von der Art der Bewegung ziehe ich es noch dem Fahrrad-Fahren vor. Und dann ist es noch einmal langsamer. Einige Male waren wir auf Fußwallfahrt im Tiroler Inntal unterwegs, zwei Tage von Georgenberg (bei Schwaz) nach Kufstein. Und im Urlaub bin ich einmal in der umgekehrten Richtung gewandert, von Innsbruck bis Feldkirch (österreichischer Jakobsweg). Seitdem habe ich immer den Eindruck: „es geht viel zu schnell!“, wenn ich diese Strecke mit dem Auto oder dem Zug zurück lege.

Von meinem jetzigen Wohnort aus habe ich angefangen, in Etappen den Hellweg zu gehen, eine alte Handelsstraße, die es bereits vor den Römern gab. In Neuenheerse bin ich gestartet und inzwischen bis Soest gekommen, dieser Tage möchte ich weiter und Dortmund erreichen. Langsam, Schritt für Schritt, Kilometer um Kilometer.

Gerne gehe ich durch den Wald, freue mich an den Spiegelungen des Lichtes in den Blättern der Bäume. Diese sind ja selbst Zeugen der Langsamkeit: „Zu fällen einen schönen Baum,
braucht's eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert!“ (Eugen Roth).

Kein Wunder, dass es mir sehr sympathisch war, im Rahmen einer Ausbildung für Verantwortliche in religiösen Gemeinschaften darauf hingewiesen worden zu sein, mich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen. Wenn andere sofort eine Entscheidung erwarten oder eine Antwort möchten: „Nein, ich muss darüber nachdenken!“ Oder die Sache auch ins Gebet nehmen.

Die Erfurter Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens brachte es sogar mit der Partizipation (eine der Säulen der Synodalität) in Verbindung, als sie von ihrer Skepsis gegenüber bzw. Ablehnung von „Tischvorlagen“ erzählte. Wenn du erst bei der Sitzung die Tagesordnung siehst und dann eventuell sogar noch über den ein oder anderen Tagesordnungspunkt abstimmen sollst. Das geht nicht! Wie sehr habe ich schon unter ähnlichen Praktiken gelitten. Die Tagesordnung für eine Sitzung kam am Abend vorher oder zwei Stunden vor Sitzungsbeginn via Mail. Da ich im Normalfall nur einmal am Tag meine Mails anschaue, konnte es vorkommen, dass ich die Tagesordnung vor der Sitzung gar nicht gesehen hatte.

Ich bin meinen Kolleginnen und Kollegen im Pastoralteam hier sehr dankbar, dass sie meinen Vorschlag angenommen haben, Vorschläge für die Team-Sitzung (jeden zweiten Donnerstag Nachmittag) bis spätestens Mittwoch Abend einzubringen. Früher war das bis Donnerstag 11.00 Uhr möglich. Jetzt kann ich und können wir zumindest den Donnerstag Vormittag noch nutzen, um uns auf die nachmittägliche Sitzung vorzubereiten.

Ich meine, trotz Handy- und Computernutzung lohnt es sich, nicht immer sofort zu reagieren und sich (und anderen!) Zeit zu lassen und zu geben. Gemäß dem im Flur des Pfarrhauses meines früheren Heimatpfarrers zu lesenden Spruch: „Gott schuf die Zeit. Von Eile hat er nichts gesagt“.

Gut Ding will Weile haben!