Donnerstag, 31. August 2023

Beten - peinlich?

Ich beginne noch einmal mit Pater Dall’Oglio, auf den sich bereits der letzte und der vorletzte Post bezogen. Diesmal aber mit einer Geschichte, die nur indirekt mit ihm zu tun hat. Bei der Buchvorstellung am 24. Juli (vgl. Post vom 31.7.) kam es am Ende zu einer interessanten Begebenheit. In die Schlussworte hinein rief einer der Besucher von hinten: „so - und jetzt beten wir noch etwas gemeinsam, wir sind doch schließlich Christen“. Womit der Rufer zumindest den anwesenden Imam der Großen Moschee von Rom leichtfertig vereinnahmt hatte. Auf erste Gegenstimmen hinweg setzte der Rufer nach: „wenigstens ein Vater-unser könnten wir doch beten!“ In der Reihe vor mir ärgerte sich ein Mann sichtlich und schimpfte sehr vernehmlich vor sich hin: „was soll denn das jetzt, beten? Wir sind doch hier nicht in einer Kirche!“. Es war eine etwas merkwürdige Situation entstanden, tatsächlich griff auch niemand den Gebets-Vorschlag auf…

Wenige Tage vor dem eben beschriebenen Ereignis hatte ich der Predigt eines meiner „Lieblingsprediger“ zugehört, Pfarrer Stefan Jürgens (https://www.youtube.com/watch?v=YBPUahXG0UM&t=1813s), Unter anderem erwähnt er in dieser Predigt das 1984 erschienene Buch von Tatjana Goritschewa, Von Gott zu reden ist gefährlich. Auch ich hatte das Buch damals gelesen. Und Pfarrer Jürgens fragt sich und die Zuhörenden aufgrund der Erfahrungen, die er macht: „müsste man heute nicht eher sagen: `von Gott zu reden ist – peinlich´“? Z.B. würden 99,9 Prozent der Brautleute, die zu einem Ehevorbereitungsgespräch zu ihm kommen, auf die Frage, ob sie denn zusammen beteten, verneinen.

Wenn scheinbar nur noch durchschnittlich sechs Prozent der getauften Katholiken/Christen Gottesdienste mitfeiern, dann sehe ich da einen Zusammenhang. Nicht nur, weil es ja auch dort peinlich werden kann, wie regelmäßig festzustellen ist, weil Anwesende Gebete und liturgische Antworten und Haltungen nicht (mehr) kennen. Nein, es fehlt ja schlicht und einfach der Bezug zwischen einer Hochform der Liturgie wie etwa der Eucharistie und dem alltäglichen Beten, am Morgen, am Abend, bei Tisch. Wenn deswegen im Zug von Erstkommunionvorbereitungen angefragt wird, ob das überhaupt noch Sinn macht, weil die Kinder aufgrund immer weniger Gottesdienste später gar nicht feiern können, worauf sie sich vorbereiten, so möchte ich auch hier fragen, ob für die Kinder denn wenigstens der „Alltagsbezug“ entstehen kann. Damit sie beim Betreten einer Kirche nicht in eine für sie völlig andere und fremde Welt geraten.

Klar, mit dem gemeinsamen und öffentlichen Beten ist das ja wirklich so eine Sache. Mir geht es wie anderen, die einen gewissen Widerstand spüren, wenn jemand zu schnell und zu laut von Gott spricht oder scheinbar zum Beten drängt. Mir ist positiv in Erinnerung, wie mich ein Mitstudent in der Mainzer Mensa fragte, ob ich eben gebetet hätte. „Wie kommst Du drauf?“ „Mir ist aufgefallen, wie Du Dich vor dem Essen kurz besonnen hast“. Er hatte Recht. Ich meine, von Karl Rahner einmal gelesen zu haben, dass er meinte, man müsse ja nicht einem anderen mit einem demonstrativen Kreuzzeichen vor dem Essen den Appetit verderben.

Gleichzeitig frage ich mich aber auch immer wieder, ob ich zu vorsichtig bin. Ob in der ein oder anderen Situation ein laut gesprochenes Gebet angebracht und ein gutes Zeugnis wäre. Inzwischen mache ich manchmal sehr bewusst ein Kreuzzeichen vor einer Mahlzeit im „öffentlichen Raum“.

Dienstag, 15. August 2023

Armut?

„Denn wenn du in den Vatikan gehst, könntest du zu zweifeln beginnen, ob die dort wirklich etwas mit dem Evangelium zu tun haben. Sie sind organisiert wie ein Staat im 16. Jahrhundert, Darstellungen von Luxus, erlesener Marmor, und auch eine solch geordnete Schönheit kann Anstoß erregen“. (Dall’Oglio Paolo, Il mio testamento, Milano 2023, S.48, meine Übersetzung). In der Folge dieser Zeilen beschreibt P. Dall’Oglio dann seine Empfindungen während Besuchen in den vatikanischen Büros für den interreligiösen Dialog und bei der Glaubenskongregation.

Mir selbst ist unvergesslich ein viele Jahre zurück liegendes Erlebnis in Traunstein, wo unsere Gemeinschaft ein Haus besitzt, welches „Kern-Schloss“ heißt. Wikipedia weiß, dass dieses Gebäude einst als Gartenschlösschen errichtet wurde. In verschiedenen Jahren lebte auch ich in diesem Haus, das erste Mal als Diakon. Und während dieser Zeit hörte ich einmal dem Gespräch zweier Grundschüler zu, die vor dem Haus standen. Dabei sagte einer zum anderen: „in diesem Haus müssen ganz schön reiche Leute wohnen!“ Als Hausbewohner wusste ich nicht, ob ich schmunzeln oder mich schämen sollte.

Solch gemischten Gefühle hatte ich immer wieder in dem ein oder anderen unserer Häuser, wenn ich beobachtete, wenn Familien mit (kleinen) Kindern zu Besuch waren. Die Kinder entdeckten und benutzten schnell die langen Gänge als Spielfläche. Herrlich, so einen langen Gang entlang rennen zu können! Und ja: ich freue mich mit den Kindern. Und bin mir bewusst, dass die meisten Kinder eine solche Möglichkeit zuhause nicht haben. In Baumgärtle kommentierte sogar unser Br. Anton trocken-scherzhaft: „im Gang im ersten Stock könnten wir eigentlich eine Kegelbahn einrichten“. Wie hieß es zu Beginn eines Artikels der Süddeutschen Zeitung am 5. August: „Deutsche Wohnungen sind wie deutsche Autos: sehr dick und sehr teuer.“ Im Artikel ging es im Folgenden speziell um Schlafzimmer, eventuell ließe sich das Thema auch einmal besonders auf „Wohnen in Pfarrhäusern“ anwenden…

In Rom gibt es eine wunderbare Solidarität verschiedener Ordensgemeinschaften mit geflüchteten Menschen. Der Gemeinschaft Sant’Egidio gelingt es immer wieder, Menschen aus Kriegsgebieten auf sicheren Wegen über sogenannte „Humanitäre Korridore“ nach Italien zu bringen. Sant’Egidio arbeitet dabei mit Ordensgemeinschaften zusammen, die solche Geflüchtete dann, für kürzere oder längere Zeit in ihrem Kloster oder Ordenshaus aufnehmen, den Menschen einen Start im für sie neuen Land ermöglichen.

Vor kurzem war ich im Gespräch mit einer Schwester aus einem Haus, in dem immer wieder geflüchtete Menschen leben. Zurzeit ist dort eine syrische Familie, die Eltern mit zwei Buben, 11 und 15 Jahre alt. Einer der beider Elternteile ist Zahnarzt, auch der andere Akademiker. Die Buben spielen beide Gitarre und Klavier. Eine Gitarre war schnell aufzutreiben, mit dem Klavier war es etwas schwieriger. Aber auch da fand sich eine Lösung: jemand brachte ein Keyboard vorbei. Und die Schwester sagte: „dabei haben wir im Haus bestimmt fünf Klaviere stehen. Die sind zwar alle verstimmt und es spielt niemand mehr darauf. Aber…“ Da stehen wohl Strukturen dagegen, weil die Klaviere im Bereich der Schwestern stehen oder ein Keyboard leichter zu transportieren ist als ein Klavier. Aber…

Es macht nachdenklich.

"Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!", so sagte es Papst Franziskus bereits kurz nach seiner Wahl 2013 zum ersten Mal. Und er wiederholt es hin und wieder.