Samstag, 15. Juni 2019

Der Dopf

Bei einer Kinder-Maiandacht am letzten Sonntag im Mai bestand meine Aufgabe darin, gemeinsam mit den Kindern eine Marienstatue anzuschauen und zu „erschließen“: was sagt uns diese Figur in ihrer Form und mit ihren Farben? Nachdem ich die Kinder nach vorne eingeladen hatte, um die Statue besser sehen zu können, stellte ich die Frage: „was gefällt euch denn am besten an dieser Figur?“ Ein kleiner Junge im Kindergartenalter sagte daraufhin: „der Dopf“. Ratlos fragte ich nach: „entschuldige, ich habe Dich jetzt nicht verstanden. Was gefällt Dir am besten?“ Wieder: „der Dopf“. Jetzt wurde mir ein wenig heiß: meint der kleine Junge die Blumen neben der Statue? Ich meine zwar, dass die in einer Vase standen, aber vielleicht sieht er einen Blumentopf. Nach kurzem Zaudern fragte ich noch einmal nach, ich wollte ja wirklich wissen, was dem Kleinen am besten gefällt. „Tut mir leid – ich habe es immer noch nicht verstanden. Kannst Du es noch einmal sagen?“ „Der Dopf“ sagte er und zeigte mit seiner kleinen Hand auf – den Kopf der Marienstatue. Die anderen Kinder vorne und einige der Erwachsenen in den Bänken fingen zu lachen an. Und ich war heilfroh, dass der Junge, der offensichtlich Mühe hatte, „Kopf“ zu sagen, mit lachte und nicht zu weinen anfing. Das wäre noch einmal eine spannende Herausforderung geworden...

Immer noch geht mir diese Szene nach und ich habe sie oft erzählt. Ein wenig hilft sie mir, über die Tücken und Möglichkeiten menschlicher Kommunikation ganz allgemein nachzudenken. Denn es ist ja so, dass wir einander nicht immer verstehen. Wir reden miteinander, versuchen uns verständlich zu machen und scheitern doch immer wieder dabei. Im Fall des kleinen Jungen hat seine Mutter wohl sofort verstanden, was er sagen will. Einander zu kennen hilft! Andererseits kann es auch eine Falle sein: wenn ich den anderen so gut kenne, dass mir schon im Vorfeld klar zu sein scheint, was er mir sagen möchte.
Was schließlich mir begriffsstutzigem Menschen geholfen hat, den Buben zu verstehen, war seine Idee, außer dem Sprechen noch eine andere Möglichkeit zu wählen. Er zeigte mit dem Finger auf das, was er meinte. Gott sei Dank hat er das getan! Ob das in unseren Dialogen sonst auch noch öfter zu beachten wäre: verschiedene Kommunikationsformen zu üben und zu pflegen? Kann es gelingen, wenn ich mein Gegenüber nicht verstehe, ihn oder sie einzuladen, sich noch auf eine andere Weise als bisher auszudrücken?

Wenige Zeit später erlebte ich eine weitere nachdenklich machende Kommunikationsgeschichte.
Wir hatten Besuch, zwei Ordensfrauen aus der Generalleitung der Anbeterinnen des Blutes Christi.
Eine der beiden, Sr. Dani, eine US-Amerikanerin kam zu einer Mahlzeit und erzählte, dass sie beim Anblick der Marienstatue in unserer Gartenkapelle erschrocken sei. Ob ihr da jemand weiter helfen könne... Da ich weiß, dass P. Peter die betreffende Statue sehr schätzt und immer wieder einmal mit Menschen darüber ins Gespräch kommt, forderte ich ihn auf, Sr. Dani beim Verständnis zu helfen. Also wurde ein Lokaltermin vereinbart: Sr. Dani, P. Peter und als Übersetzer musste ich mit gehen.
P. Peter fing mit seinen Erklärungen an: Maria zeigt der Welt ihr Kind und hält es ihr entgegen. Und Sr. Dani: „what about the face?“ (was ist mit dem Gesicht?) P. Peter bat um Geduld und erklärte weiter: „das Kind hat den Kelch in der Hand als Heilmittel für die Welt“. Und Sr. Dani: „what about the face?“ P. Peter bat um Geduld und erklärte weiter, wurde noch ein oder zwei mal von Sr. Danis hartnäckiger Frage: „what about the face?“ unterbrochen, bevor sie dann aus der Gartenkapelle ging, offensichtlich blieb ihre Frage unbeantwortet.

Auch diese Szene hat etwas Humorvolles. Mir gefiel die Offenheit Sr. Danis. „Die sagt, was sie denkt und empfindet – auch ohne Scheu vor irgendwelchen Konventionen“. So erlebte ich sie insgesamt während der Tage ihres Besuchs bei uns.
Und bei P. Peter dann das hin und wieder erfahrbare „gefährlich kirchliche Verhalten“: zu verkündigen, ohne auf die Fragen zu hören.
Also auch das wieder ein Lehrstück der Kommunikation...



Freitag, 31. Mai 2019

Übernachten im Urlaub...

Wenn ich im Urlaub eine mehrtägige Wanderung in „bewohntem Gebiet“ unternehme, dann reserviere ich im Normalfall kein Übernachtungsquartier. Sondern ich gehe, so weit und so lange ich Lust habe und suche dann...
Das hat auch dieses Jahr wieder geklappt. In Neustadtl an der Donau wies mich eine Fahne „Zimmer frei“ am Haus darauf hin. Die Vermieter schienen zwar etwas überrascht, dass da einer unangemeldet vor der Tür steht, aber ich bekam das Zimmer und eine Einweisung in die High-Tech-Dusche, für die ich dankbar war. Ansonsten hätte ich wohl nicht gewusst, wie ich das Wasser zum Fließen bringe. So aber habe ich es nach dem ersten Wandertag genossen.

Am zweiten Tag wollte ich eigentlich auf der anderen Donauseite im Wallfahrtsort Maria Taferl übernachten. Aber da hatte ich mit einer Fähre gerechnet, die – wie ich später erfuhr – schon Jahre nicht mehr fährt. Auch gut! Also blieb ich in Krummnussbaum (heißt so!) und fand ein Quartier in einem Gasthaus. Wir vereinbarten ein Frühstück für den kommenden Tag um 7.30 Uhr. Das gab es dann aber nicht. Außer mir schien niemand im Haus zu sein, die Türen waren versperrt – gerade noch, dass ich ins Freie kam. Weil ich ja weiter wollte, ging ich dann auch um 7.40 Uhr auf den Weg, nachdem ich meine Adresse unter den Zimmerschlüssel gelegt hatte, denn ich hatte noch nicht bezahlt. (Inzwischen habe ich via Mail eine Rechnung bekommen und sie beglichen – die letzten Urlaubsschulden bezahlt). Frühstück gab´s dann ganz bescheiden in Pöchlarn.

Übernachtung Nummer drei war in Aggsbach und der zweite Übernachtungsgast im Haus fragte mich, ob ich auch über booking.com gebucht hätte. Was mir nur ein Lächeln entlockte. Worauf der andere Wanderer mir erklärte, dass ich Glück hätte, denn eine Woche früher gab es aufgrund des „Wachauer Frühlingsfestes“, bei dem 100 Winzer ihre Weine präsentieren, kein freies Zimmer mehr in der Region. Schluck! Aber eben: das war ja schon vor einer Woche...

Dass es in Paudorf beim Pfarrhof eine Pilgerherberge geben solle, hatte ich wohl gelesen. Aber weil ein Gasthaus vorher am Weg lag, fragte ich dort an. Die Bedienung konnte mir allerdings keine verlässliche Auskunft darüber geben, ob ein Zimmer frei sei, also machte ich mich doch auf den Weg zum Pfarrhof. Wo eine Senior/inn/engruppe am Singen war und ich zunächst zu Kaffee und Kuchen (und zum Mitsingen!) eingeladen wurde. Danach sperrte mir eine Dame das Pilgerquartier hinter den Jungscharräumen auf. Phantastisch – mit Dusche! Und später bekam ich noch ein paar Stücke Kuchen „für das Frühstück am nächsten Tag“. Abends las ich noch die Einträge der anderen Pilgerinnen und Pilger im Buch in der Herberge. Spannend! Von woher und wohin unterwegs die Leute sind...

Und weiter ging es nach Würmla. Das Gasthaus hatte bei meiner Ankunft noch geschlossen und ich erfuhr im Eisenwarengeschäft daneben, dass es normalerweise um 17.00 Uhr öffne. Also setzte ich mich neben der Kirche, gegenüber vom Gasthaus, auf eine Bank in die Sonne, auf einer zweiten breitete ich die schweißnasse Kleidung zum Trocknen aus und begann zu lesen – ein Buch ist immer im Rucksack dabei. Eine Frau, die offensichtlich die Kirche mit Blumen schmückte, fragte mich, ob ich ein Pilger sei. Was ich bejahte. Wir kamen ins Gespräch und sie meinte, sie würde auch ein Zimmer für Pilger anbieten. Und dass sie nicht sicher sei, ob das im Gasthaus überhaupt etwas würde. „Einen Koch gibt es dort nicht – zu essen bekommen sie sicher nichts“. Motivation genug, meine ursprünglichen Pläne über den Haufen zu werfen und das Angebot der Frau anzunehmen.

Sie nahm mich also mit nach Anzing, eine Katastralgemeinde von Würmla. Und lud mich zur abendlichen Maiandacht in die kleine Kapelle ein. Mit großer Freude feierte ich sie mit. Und hatte auch nichts dagegen, hinterher mit meiner Herbergsfamilie zum Heurigen zu fahren. Ein wunderbarer Abend.

Am folgenden Tag schaffte ich es bis Purkersdorf und fuhr von dort mit der S-Bahn ins Zentrum von Wien, wo mir die Redemptoristen Gastfreundschaft für eine Nacht gewährten. Darum hatte ich im Vorfeld gebeten und „mein“ Zimmer wurde auch am folgenden Tag schon wieder an jemand anderen vergeben...