Sonntag, 15. März 2020

ganz da sein

Als bei der Beerdigung des französischen Jesuiten Michel de Certeau am 13. Januar 1986 am Schluss Edith Piafs Lied Je ne regrette rien gespielt wurde, geschah das auf Wunsch des Verstorbenen. Und es wurde gesagt, dass Michel de Certeau das Lied sehr liebte und über die Sängerin angemerkt hatte: „Sie singt nicht...sie ist ganz und gar in ihrer Stimme – so wie ein Tropfen Wasser im Ozean“1
Vielleicht kennen Sie Ähnliches als Zu-Hörende: dass Sie plötzlich ein Lied nicht mehr einfach hören, sondern den Eindruck haben, „im Lied zu sein“? Ein Ohrwurm, der einen nicht mehr los lässt. Ich erinnere mich an „Eres tu“ von den Mocedades, das ich während meines Jahres in Spanien in einem Kino-Film hörte. Manche würden es vielleicht als Schnulze bezeichnen, mir ging es nicht mehr aus dem Ohr. Dieses Liebeslied, dessen Bilder mich in manchem an die biblischen Psalmen erinnern.
Oder jetzt habe ich Katrin gebeten, bei der Vesper anlässlich meines Abschieds in der Osterwoche mit ihrem Chor „Resta qui con noi“ zu singen. Und sie sagte mir am Telefon: „da hast Du was angerichtet: ich werde das Lied nicht mehr los, es verfolgt mich noch beim Einschlafen“.

Ich erinnere mich aber auch an eine Aussage von Chiara Lubich, an deren 100. Geburtstag in diesem Jahr erinnert wird. Mindestens einmal sagte sie, jetzt mit meinen Worten: „es kommt nicht darauf an, zu lieben, sondern Liebe zu sein“. Da ist ein Unterschied! Oh ja...

Letztlich wünschte ich mir das auch für alle Bemühungen um ein gutes Gebet: nicht nur „zu beten“, Gebete zu sprechen, sondern „Gebet zu sein“. Ich denke, bei Jesus lässt sich das ablesen. Sicher fordert er auch zum ausdrücklichen Beten auf. Aber er selbst ist Gebet – ständig ausgerichtet auf den Vater im Himmel, immer in Zwiesprache mit ihm.

Während meiner Baumgärtler Jahre war ich öfter am Sonntag Abend in Mindelheim. Einmal im Monat treffen sich dort Menschen zur sogenannten „Stille am Sonntag“. Wir schweigen eine Stunde (aufgeteilt in zwei mal 25 Minuten) miteinander. Und es ist genau diese Form, die mir hilft, „Gebet zu sein“, nicht nur „zu beten“. Alle gesprochenen Gebete, die ich ja durchaus auch pflege, haben für mich damit zu tun.

Nicht nur äußerlich etwas tun, lieben, beten..., sondern ganz „drinnen sein“.

Mir kam auch noch einmal der etwas „gefährliche Hinweis“ von Papst Franziskus in den Sinn, über den sich Flugbegleiterinnen zu Recht beschweren könnten. Er fordert zum Lächeln auf, aber – wieder mit meinen Worten - „nicht so wie manche Stewardess, wo das Lächeln so eingefroren wirkt“. Also nicht lächeln, sondern „Lächeln sein“. Immer wieder dasselbe...

Man kann es zusammenfassen mit dem Motto, das ich bei den Jesuiten gelernt habe: „age, quod agis“ - „was du tust, das tue ganz“. Wie oft gelingt mir das nicht... Und doch, ja, ich möchte...
Da zieht es mich hin: ganz zu sein, ganz drin zu sein im Tun, nicht oberflächlich zu leben.

Irgendwo las ich einmal, das biblische Hauptgebot: „du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen“ (Dtn 6,5) könnte auch übersetzt werden: „mit geeintem Herzen“. Gegen alles hin und her gerissen werden, sich „zerfransen“ lassen.

Und Jesu Aussage: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hinein kommen“ (Mk 10,15) hat wohl damit zu tun. Ein Kind kann beim Spielen die Welt um sich herum vergessen, ganz drin sein....

Die Wochen vor Ostern mögen uns, durch das bewusste Weg-Lassen von dem einen oder anderen, dem entschiedenen Verzicht auf dieses oder jenes, neu auf diese Fährte des gelingenden und erfüllten Lebens helfen...
1Vgl. Bauer, Christian, Verwundeter Wandersmann? Michel de Certeau – eine biographische Spurensuche, in: ders./Sorace, Marco A. (Hgg.), Gott anderswo? Theologie im Gespräch it Michel de Certeau, Ostfildern 2019, S. 45.

Samstag, 29. Februar 2020

zur Zeit

Den nur alle vier Jahre vorkommenden 29. Februar möchte ich als Aufhänger zu einigen „Zeit-Geschichten“ nehmen.
Gerade komme ich von zu Hause und habe in der Heimatzeitung voller Freude einen Artikel über die Reparatur der Kirchturmuhr in der Nachbargemeinde gelesen. Wochenlang stand sie auf halb zwei. So dass schließlich ein Kostenvoranschlag für eine Reparatur eingeholt wurde: € 10.000.- sollte sie kosten. Was die Verantwortlichen schlucken ließ. Im Artikel wird nun die Initiative des Pfarrgemeinderatsvorsitzenden beschrieben, offensichtlich ein Tüftler. Mit dem Sachverständigen der Turmuhrenfirma schaute er sich den Schaden an und gemeinsam machten sie den Defekt ausfindig. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende entschied: „das machen wir selbst!“. Sein Bruder hat einen Metall verarbeitenden Betrieb. So wurden die zwei defekten Teile ausgetauscht und „nebenbei noch ein paar andere Kleinigkeiten behoben“, wie der Zeitungsbericht vermerkt. Die Uhr läuft wieder. Kosten jetzt: € 2000.- Toll, nicht wahr?
Dabei fällt mir auf, dass ich noch nie im Mindelheimer Turmuhrenmuseum gewesen bin. Wobei inzwischen eine solche (Turm-)Uhr mitten in der Stadt zu sehen ist. Die Kosten dafür waren (und sind?) bei der einheimischen Bevölkerung durchaus umstritten...

Apropos Kosten: viele tragen ja inzwischen keine Armbanduhr mehr, weil sie auf ihr Handy schauen, wenn sie wissen möchten, wie spät es ist. Auf der anderen Seite gibt es aber offensichtlich auch Menschen, die ein ganze Kollektion von Armbanduhren zu Hause liegen haben müssen. Je nach Bekleidung wählen sie das entsprechende Stück als Accessoire. Was mir fremd ist. Ich habe eine Armbanduhr und bin froh, wenn diese funktioniert. Bei Bergtouren nehme ich sie schon einmal vom Handgelenk weg und befestige sie am Gürtel, um sie nicht zu sehr dem „Schweiß-Angriff“ auszusetzen.

Für meine älteren Mitbrüder ist die Armbanduhr auch ganz wichtig. Wenn die Batterie zur Neige geht, dann möchten sie am liebsten sofort eine neue eingesetzt haben. Nachdem wir aber zum nächsten Uhrengeschäft 14 Kilometer fahren müssen, muss ich manchmal etwas bremsen und habe neulich einmal einen kleinen Reisewecker als Ersatz zur Verfügung gestellt, bis jemand in die Stadt kam, um die Batterie der Armbanduhr wechseln zu lassen.

Auf dem Rückweg aus Rom am vergangenen Samstag hatte mein Zug ab Bologna bald einmal ziemlich Verspätung, knapp eine Viertelstunde war es schließlich. Und ich begann mir Sorgen bezüglich meines Anschlusses in München zu machen. Wie sich zeigte umsonst. Denn ab Innsbruck raste der Zug dahin, so dass bis München die Verspätung aufgeholt war, wir pünktlich an kamen und ich ganz ohne Schwierigkeiten den Anschlusszug Richtung Allgäu erwischte. Wunderbar!

Zeit ist wichtig! „Die Tugend lässt sich nicht an einem Tag erwerben. Wer vorwärts geht, rutscht bisweilen aus, richtet sich jedoch sofort wieder auf und geht weiter. Gott sieht, dass wir ihn lieben und ihm in Treue dienen wollen“, so schrieb der hl. Gaspare del Bufalo, der Gründer unserer Ordensgemeinschaft in einem Brief. Mir gefällt das! Wir sind als Menschen unterwegs, auf dem Weg... Manchmal begegne ich Menschen, die meinen, sie hätten sich doch vor so und so viel Jahren bekehrt und jetzt begehen sie immer noch Sünden und machen Fehler. Und dann sind sie maßlos enttäuscht über sich selbst. Die Sicht Gaspares ist realistischer und deswegen dem Menschen angemessener: „die Tugend lässt sich nicht an einem Tag erwerben“. Wir sind unterwegs und das Entscheidende dabei ist, von Gott gesehen zu werden.

Eines der Prinzipien, das Papst Franziskus nicht müde wird, zu wiederholen, heißt: „die Zeit ist wichtiger als der Raum“. Es ist wichtiger/besser, Prozesse in Gang zu setzen als Räume zu besetzen.