Mittwoch, 30. Juni 2021

30 Jahre Priester

Vor 30 Jahren, am 29.Juni 1991, bin ich im Salzburger Dom zum Priester geweiht worden. Welch ein Fest war das damals, genauso wie dann eine Woche später die erste heilige Messe in der Heimatgemeinde. Die ganze kleine Stadt schien auf den Beinen und sich mit zu freuen.

Wie viel hat sich geändert seither! Junge Männer, die heute geweiht werden, erleben zum Teil völlig andere Begleitumstände. Womöglich sind am Tag der Priesterweihe Demonstrant/inn/en vor dem Dom mit Transparenten, die auf Missstände in der Kirche hinweisen. Und der Neugeweihte wird eventuell auch deutlich angefragt, wieso er durch seine Entscheidung und Berufswahl ein solches System noch stützt.

Meine Fotoalben sind in Umzugskartons auf dem Dachboden und ich packe sie jetzt nicht aus. Aber vor meinem geistigen Auge sehe ich das ein oder andere Motiv und vor allem Menschen, die mich in den vergangenen Jahrzehnten begleitet, die vor 30 Jahren mit gefeiert haben und zum Teil inzwischen verstorben sind. Diese Erinnerungen lassen mich dankbar sein und ganz existentiell erfahren, wozu Papst Franziskus hin und wieder Priester eingeladen hat: sie sollen ihre Herkunft nicht vergessen. Dabei geht es nicht nur darum, nicht „abzuheben“ und sich schlimmstenfalls als „Übermensch“ vorzukommen, sondern sich im positiven Sinn als ein Mitglied der Gemeinschaft der Glaubenden zu erfahren und zu wissen. Wie viel habe ich von glaubenden Frauen und Männern gelernt...

Als ich nach einer (nur dreijährigen) Zeit als Pfarrer in einer Pfarrgemeinde verabschiedet wurde, sagte mir jemand: „Du hast immer als Bruder gepredigt!“. Über dieses Kompliment freue ich mich bis heute und hoffe, dass die darin angesprochene Haltung lebendig bleibt. Mein Glaube wird genährt im gemeinsamen Leben mit anderen und durch das Teilen von Lebens- und Glaubenserfahrungen. Und vieles von dem, was ich dann sage und in der Verkündigung weiter gebe, hat sein Fundament darin. Es ist nicht meine Weisheit und ich erhebe auch nicht den Anspruch, der Lehrer schlechthin zu sein. Ab und zu mag es gelingen, Neugierde auf den Lehrer Jesus Christus zu erwecken, gerade auch im Teilen von eigenen Fragen.

Im Blick auf die heutige Kirchenlandschaft habe ich den Eindruck, ein „Auslaufmodell“ zu sein. Zumindest was die konkrete Ausprägung meines priesterlichen Dienstes angeht. Das stimmt mich nicht unbedingt traurig! Die Gestalt der Kirche wandelt sich und mit ihr die in ihr vorhandenen Dienste und Aufgaben. Ein wenig bewegt mich die Sorge, für das Neue einigermaßen offen zu bleiben. Wobei ich mich auch tröste mit dem Gedanken, dass es in der Kirche wie in der Gesellschaft immer „Ungleichzeitigkeit“ gibt.

Wenn auch die ein oder andere Veränderung in gewisser Weise mit Schmerz verbunden ist, so spüre ich vor allem Hoffnung. Ich hoffe, dass sich eine „Priesterkaste“ nicht auf Dauer halten wird. Dass wir noch viel mehr geschwisterlich glauben und leben, und auf dieser Basis priesterliche Dienste neu und anders geschätzt werden können. Die ein oder andere Diskussion im Zusammenhang des synodalen Weges in Deutschland kann da weiter führen.

Wofür ich weiter kämpfen möchte: dass das Evangelium nicht vergessen wird, bzw. wir noch viel mehr zu ihm zurück kehren. Manchmal beschleicht mich der Eindruck, dass wir vor lauter Überlebenskampf uns nicht mehr genug Zeit für diese Quelle unseres Lebens nehmen. Auf der Grundlage des Evangeliums lässt sich priesterliches Leben in vielfacher und sich ändernder Gestalt leben, wie ich es dankbar, wenn auch nicht immer ohne „Umstellungsschwierigkeiten“ in den vergangenen Jahrzehnten erfahren durfte: der Dienst als Gemeindepfarrer oder -missionar unterscheidet sich erheblich von dem des Jugend- oder Flüchtlingsseelsorgers.

Als Mitglied der Generalleitung unserer Gemeinschaft freue ich mich über eine Perspektiven-Erweiterung und stelle fest: „es gibt nichts, was es nicht gibt!“ Auch das tut manchmal weh, erfüllt aber andererseits auch mit Gelassenheit. Die Kirche und in ihr auch unsere Gemeinschaft sind Gottes Werk, wir sind Mitarbeitende...

Dienstag, 15. Juni 2021

Fahnen

Mehrmals in den letzten Wochen ging es um die Auswirkungen von Stoff – in Form einer bestimmten Fahne oder Flagge. Interessant, wie bedeutsam ein Stück Stoff sein kann in unserer ach so aufgeklärten Welt. Soll ich darüber spöttisch lächeln? Oder ist es ein Grund zur Freude, weil da vielleicht ein Anknüpfungspunkt besteht zu einer anderen Wirklichkeit, die hinter dem vordergründig Sichtbaren liegt?

Anfang Mai war es die Antifa-Flagge auf dem Seawatch-Schiff, welches zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer unterwegs ist. Unter anderem mit finanziert von der evangelischen Kirche in Deutschland. Bischof Bedford-Strohm meinte dann auch, er würde es ausdrücklich begrüßen, wenn die Flagge eingeholt würde. Andere äußerten sich ärgerlicher.

Zwei Wochen später war es die Fahne Israels auf dem österreichischen Bundeskanzleramt, welche einigen die Neutralität Österreichs zu verraten schien. Arabische Staaten äußerten sich fassungslos über die in ihren Augen eindeutige Parteinahme.

Wieder zwei Wochen später war es dann die Regenbogenfahne auf US-Botschaften in mehreren Ländern. Dieses Zeichen der Unterstützung von LGBTQI+ Menschen, gerade auch auf der US-Botschaft beim Vatikan, führte zu hitzigen Diskussionen. Zumal kurz nach dem Erscheinen einer vatikanischen Erklärung, welche sich gegen die Segnung homosexueller Paare ausspricht.

Vor dem Hintergrund dieser Fahnen und der durch sie ausgelösten Diskussionen scheint mir das von manchen belächelte bayrisch-österreichische Brauchtum durchaus „zeitgemäß“, wenn Fahnenabordnungen örtlicher Vereine bei Festgottesdiensten aufmarschieren und nacheinander die Fahne vor dem Altar in der Kirche schwenken. Irgendwie scheinen wir Menschen doch auf verschiedene Art und Weise Symbole zu brauchen. Bzw. auch beim aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts lösen sie etwas aus.

In der Salzburger Pfarre, in der ich drei Jahre lang Pfarrer sein durfte, hatten wir eine Figur des auferstandenen Christus, welche in der Osterzeit vor den Altar gestellt wurde. Der schönen, aus Holz geschnitzten, Figur fehlte allerdings etwas: die Siegesfahne. Es war offensichtlich, dass es eine solche einmal gegeben hatte, aber sie schien im Lauf der Jahre abhanden gekommen zu sein. Nachdem ich in meiner Kufsteiner Zeit einen Schreiner kennen gelernt hatte, der sich auch aufs Schnitzen verstand, bat ich diesen, ob er nicht für unsere Figur des Auferstandenen eine neue Fahne schnitzen könnte. Josef erklärte sich bereit dazu und bat mich um die Maße der Figur. Als die Fahne fertig war, freute ich mich und erschrak gleichzeitig ein wenig: sie ist in sich gelungen, im Verhältnis zur Figur schien sie mir aber etwas groß geraten. Auf jeden Fall hatte der Auferstandene jetzt wieder die Fahne als Zeichen seines Sieges über den Tod in der Hand. Und ich erinnere mich an Kirchenführungen mit Erstkommunionkindern in dieser Zeit, bei welchen ich auf dieses Detail zu sprechen kam. „Was fällt Euch auf bei dieser Figur?“ „Die Fahne“. „Wo seht Ihr denn sonst Fahnen?“ Manchmal half ich ein wenig nach... „Wenn beim Autorennen Ferrari gewonnen hat, dann hängen Fans die Fahne aus dem Fenster. Oder wenn ein bestimmter Fußball-Club gesiegt hat, auch dann sind die Fahnen an Autos, an Fahnenmasten in Schrebergärten und an Häusern zu sehen“. Die Freude über den Sieg will sich Ausdruck verschaffen, so wie bei der Fahne des Auferstandenen...

Und ich schließe mit einer „Fahnen-Geschichte“, die mir unvergesslich bleibt. Ende der 90er-Jahre begleitete ich ein paar Mal Gruppen von Buben bei geistlichen Ferienwochen in unserem Missionshaus in Schellenberg im Fürstentum Liechtenstein. Wenigstens einmal half mir dabei als weiterer Begleiter Benjamin, ein junger Mann, den ich während einer Gemeindemission in Dortmund kennen gelernt hatte.

Und im Haus unterstützte uns nach Kräften P. Anton, der damalige Pfarrer und frühere Generalobere unserer Gemeinschaft. Der auch Freude am Leben im Haus zu haben schien.

Auf vielfältige Weise half P. Anton, dass wir uns wirklich zu Hause fühlten. Ein Detail, welches mir in Erinnerung blieb. Benjamin, mein Helfer – heute würde man vielleicht Teamer sagen – sammelte Fahnen, Länderflaggen. Und er sagte mir, wie gerne er eine Liechtensteiner Fahne hätte. Als ich

P. Anton davon erzählte, machte der sich auf den Weg und besorgte eine, große, für den – überglücklichen – Benjamin.