Donnerstag, 15. Januar 2026

Sternsinger und Frömmigkeitsformen

Am 6. Januar erlebten wir gemeinsam den Auftritt der Sternsinger. Drei meiner Schätzung nach 12-14jährige Mädchen, als Könige verkleidet, mit ihrer Begleiterin. Ich fand, sie hatten ihre Sache gut gemacht. Ein Mitbruder empfand das völlig anders: „Ich bin entsetzt, ich bin entrüstet. Die haben das doch gar nicht ernst genommen!“ Zugegebenermaßen war ich völlig irritiert über diese Wahrnehmung und begann, die Mädchen-Könige zu verteidigen. Keine Chance! Deswegen gab ich auf. 

Diese Begebenheit ging mir nach. Warum hat der Mitbruder so reagiert? Welche Erlebnisse und Erfahrungen lassen ihn zu einer solchen Einschätzung kommen? Was steckt dahinter? Mir war außerdem klar geworden, dass die Wahrnehmung mit Gefühlen zu tun hatte, das war nicht nur rational. Und Gefühle sind stark und kaum rational ansprechbar. 

Wenn es um den Glauben geht, dann ist genau dies zu bedenken. So sehr ich mich um eine intellektuell redliche und verantwortete Verkündigung bemühe, ich habe jeweils Menschen mit Gefühlen und von ebendiesen gesättigten Erfahrungen vor mir. Mit großer Inbrunst etwa singen Menschen Lieder, deren Text bzw. Inhalt wenigstens in Frage zu stellen ist. Manchmal kann ich mich eines Lächelns nicht erwehren! So etwas geschieht durchaus bei Menschen, die im Berufsalltag ihre Frau und ihren Mann stehen. 

Nach einigen Jahren eher administrativer Arbeit in der Zentrale unserer Gemeinschaft bin ich jetzt in den pastoralen Alltag zurückgekehrt und versuche, mich zu orientieren.

Wie gehen wir um mit unserer verschiedenen religiösen Prägung, anderen Schwerpunkten in unserer Frömmigkeitspraxis? Da gibt es die einen, die unbedingt das bekannte Bild des barmherzigen Jesus von Sr. Faustyna in der Kirche aufstellen wollen. Und die anderen, die sich genau dies eher nicht vorstellen können.

Oder die weiterhin schwelenden Fragen um den Stellenwert der Eucharistiefeier. Welches Gewicht hat sie im Gegensatz zur sonntäglichen Gemeindeversammlung in einem Wortgottesdienst? Ostern muss geplant werden und die Zahl der „vorhandenen Priester“ lässt nicht zu, in jeder Gemeinde alle drei österlichen Tage zu feiern. Wie damit umgehen? Die drei Tage an einem Ort, an verschiedenen Orten? Welchen Stellenwert hat die Liturgie/Theologie, welchen die konkrete Gemeindewirklichkeit?

Da kann man und frau sich zum einen die Köpfe heiß reden, und außerdem spielen wieder die Gefühle hinein.

Als einer, der momentan keine Letzt- bzw. Hauptverantwortung hat, kann ich einigermaßen gelassen sein. Wobei ich merke, dass mir unser Miteinander wichtiger ist als die ein oder andere Entscheidung (, wie ich sie gerne hätte). Was nicht heißt, dass ich nicht meine Meinung einbringen möchte und werde.

Und ich hoffe, dass uns als Kirche die „synodale Praxis“ dabei hilft: nicht unliebsame oder schwierige Themen auszuklammern, aber auf jeden Fall miteinander im Gespräch zu bleiben und uns nicht gegenseitig den Glauben abzusprechen, auch wenn wir ganz verschiedene Ansätze haben und Schwerpunkte setzen.

Der Ansatz muss sich zugegebenermaßen noch bewähren und in der Praxis als tauglich erweisen. Fertig werde ich und werden wir damit sowieso nie. Und das ist schön und gut so!

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Predigt am Fest der Hl. Familie 28.12.25 in St. Peter und Paul/Bad Driburg

Liebe Brüder und Schwestern,

meine Dienste an den Feiertagen geben mir Gelegenheit, nacheinander verschiedene Kirchengebäude des Pastoralverbundes Bad Driburg kennenzulernen. Ich freue mich darüber, schaue mich ein wenig in jedem Kirchenraum um und sehe dankbar, mit wie viel Aufmerksamkeit die Kirchen weihnachtlich geschmückt sind. Natürlich gehe ich auch in jeder Kirche zur Krippe. Und da gebe ich zu, bin ich dieser Tage in einer Kirche versucht worden. Darf ich denn die Krippenfiguren ein wenig drehen oder umstellen? Ich habe das natürlich nicht gemacht. Wo kämen wir denn hin, wenn jede und jeder die Krippe nach eigenem Gutdünken verändert? Und was, wenn noch jemand den Pater dabei erwischen würde, nicht auszudenken! Ich hoffe, inzwischen Eure und Ihre Neugier geweckt zu haben, was ich denn umgestellt oder anders gemacht hätte. Nun, ich hatte bei besagter Krippe den Eindruck, die Figuren von Maria und Josef und auch noch dem ein oder anderen Hirten schauen ja gar nicht auf das Kind in der Krippe. So wie sie geschnitzt oder modelliert sind, scheinen sie mir einen zielgerichteten Blick zu haben. Der geht jetzt aber im konkreten Fall irgendwohin, ins Leere, nicht auf das Kind. Ich saß da also noch einen Moment vor der Krippe, nachdem ich tapfer der Versuchung widerstanden hatte und kam ins Nachdenken. Vielleicht hat ja die Anordnung der Figuren auch etwas für sich und drückt eine Realität aus? Kann es sein, dass ich frommer Pater mit meiner Figuren-Umstell-Idee schlicht einem idealen Familienbild entsprochen hätte, welches gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat? Menschen wie mir, die irgendein kirchliches Amt bekleiden, wird ja schon einmal vorgeworfen, beim Thema Familie in Fettnäpfchen zu treten bzw. allzu blauäugig zu argumentieren. Müssen denn die Vater- und Mutter-Augen unbedingt auf das Kind gerichtet sein? Ich erzähle Ihnen dazu noch zwei weitere Geschichten an diesem Fest der hl. Familie. Die eine habe ich von Katrin Brockmöller, der Direktorin des Katholischen Bibelwerks. In einem Podcast hat sie davon erzählt, wie sie mit ihrem kleinen Neffen, der noch kaum sprechen konnte, die Weihnachtskrippe aufgebaut hat. Tante und Neffe hatten dabei unterschiedliche Vorstellungen. Während Frau Brockmöller das Kind ganz klassisch in die Krippe legte, wollte es der kleine Junge umdrehen, andere Blickrichtung. Irgendwann fragte die Tante den Neffen, wieso er das tue und dieser antwortete: „Baby muss Mama anschauen“. Entwaffnende Kinderlogik!

Wenn ich Katrin Brockmöller richtig verstanden habe, dann hat ihr diese Begebenheit auch eine Brücke zum Verständnis von Weihnachten gebaut. Gott schaut den Menschen an, darum geht es. Und da kann Familie schon wieder etwas mit Gott zu tun haben – ich hoffe, ich idealisiere Ihnen nicht zu sehr. Aber mir scheint, dass es kennzeichnend für Familien ist, dass Menschen sich dort zeigen können, wie sie sind, ohne sich verstellen zu müssen. Ein Familienmitglied bekommt von den anderen in der Familie oft auch dann noch An-sehen geschenkt, wenn es ihm von außerhalb verwehrt wird, aufgrund von Fehlverhalten irgendwelcher Art etwa. Nicht immer ist das so, aber doch oft...

Abschließend jetzt noch die zweite angekündigte Geschichte. In einem vatikanischen Büro hatte ich zu warten und richtete dabei meinen Blick auf ein Gemälde an der Wand, eine Darstellung der Mutter Gottes Maria mit Kind. Ich schaute genauer hin und musste schmunzeln. Denn die Maria da auf dem Bild hat zwar den Jesusknaben auf dem Schoß, und der hat sogar seine Händchen um ihren Hals gelegt, aber die Mutter liest ein Buch, welches sie in der Hand hält, zweifelsohne wird das die heilige Schrift sein. Jetzt fühlte ich mich vom Bild sanft in Frage gestellt und korrigiert, wenn ich schon manchmal innerlich die Nase rümpfte, wenn ich junge Mütter oder Väter sah, welche den Blick auf ihr Handy richten, während sie den Kinderwagen schieben oder ihr Kind auf dem Spielplatz auf der Schaukel oder der Rutsche sitzt. Mit der Maria, welche Jesus auf dem Schoß hat und dabei ins Buch blickt, scheinen sie in guter Gesellschaft zu sein.